Montag, 20. Mai 2013

Der fantastische Film. Geschichte und Funktion in der Mediengesellschaft



 

Oliver Jahraus/Stefan Neuhaus (Hrsg.): „Der fantastische Film. Geschichte und Funktion in der Mediengesellschaft“, Würzburg 2005

Dieser Sammelband ist entstanden aus den Beiträgen zu einer Tagung über Fantastikforschung, die im Januar 2004 an der Universität Oldenburg stattfand. Es handelt sich um wissenschaftliche Aufsätze (also mit Anmerkungsapparat). Aber keine Angst, sie sind allgemeinverständlich geschrieben, und auch die (wenigen) englischen und französischen Originalzitate sind mit Grundkenntnissen in diesen Sprachen und aus dem Kontext leicht zu übersetzen. Die Leitfrage, die allen Beiträgen zugrundeliegt, lautet: „Inwiefern könnte die Fantastik paradigmatisch für unsere Gegenwartskultur sein?“ Das Fantastische weist indirekt immer auf die Realitätsvorstellungen einer Kultur hin. Nur vor dem Hintergrund dessen, was die Zeitgenossen als real anerkannt und definiert haben, kann man von Phänomenen behaupten, sie seien fantastisch, irreal, unrealistisch, wunderbar. In dem Band wird an zentralen Beispielen verdeutlicht, wie die besonderen medialen Eigenschaften des Films das Fantastische inszenieren und wie dabei Themen unterschiedliche Schwerpunktsetzungen erhalten, je nachdem in welcher Zeit sie diskutiert werden/wurden. Besonders interessant finde ich in diesem Zusammenhang den Beitrag von Gunter E. Grimm (siehe Inhalt), der sich mit den filmischen Metamorphosen beschäftigt, die die Figur des Grafen Dracula im Verlaufe von Jahrzehnten erfahren hat. Wer noch tiefer in dieses Thema eintauchen will, kann sich zusätzlich die Dissertation von Margit Dorn anschauen („Vampirfilme und ihre sozialen Funktionen: Ein Beitrag zur Genregeschichte“, Frankfurt a. M., Bern u.a. 1994). Lesenswert ist auch der Beitrag von Ken Woodgate, der auf das Neue, die perspektivische Umkehrung in Alejandro Amenábars „The Others“ hinweist: „Was aber dieser Film von anderen fantastischen Werken am deutlichsten unterscheidet, ist die Inversion der zwei Welten. Die seltsamen Ereignisse sind nicht auf das Eindringen einer übernatürlichen Welt in die natürliche zurückzuführen, sondern auf das Eindringen der normalen Welt ins Übernatürliche. Was der Zuschauer zunächst für die normale Welt gehalten hat, war eigentlich die Welt der Gespenster. Diese perpektivische Umkehrung hat zur Folge, dass der Horror relativiert wird...“ (S. 185). Die Beiträge des Sammelbandes reichen vom Stummfilm „Der Student von Prag“ bis hin zu den „Matrix“- und „Harry Potter“-Filmen. Da sollte für jeden etwas dabei sein. Ich empfehle dieses Buch allen am fantastischen (Film-)Genre Interessierten...

Inhalt: Oliver Jahraus/Stefan Neuhaus: Fantastik als Paradigma der Kultur – Stefan Neuhaus: Das Fantastische als die Signatur der Zeit. Möglichkeiten eines „unmöglichen Tauschs“ von Theorie und Film – W. Martynkewicz: Von der Fremdheit des Ichs. Das Doppelgängermotiv in „Der Student von Prag“ (1913) – Gunter E. Grimm: Monster und Galan. Graf Draculas filmische Metamorphosen – Christoph Houswitschka: Burned to Light: Die Rezeption von F. W. Murnaus „Nosferatu“ (1922) in E. Elias Merhiges „Shadow of the Vampire“ – Johannes Pankau u. Jens Thiele: Ein seltsamer Fall: „The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ (1886) von Robert Louis Stevenson und Rouben Mamoulians filmische Adaption von 1931 – Birgit Haas: Nostalgie und Klischeemontage. Robert Zemeckis „Zurück in die Zukunft“ (1985) – Stefan Neuhaus: Allegorien der Macht: „Batman“ (1989/1992) und „Spider-Man“ (2002) – Michael Meyer: „Frankenstein“ (1994): Monströse Transformationen in Text und Film – Oliver Jahraus: Die Matrix des Mediums Film. Philosophische und religiöse Aspekte des Fantastischen in „The Matrix“ (1999) – Sabine Kyora: Im Körper des Anderen. „Being John Malkovich“ (2000) – Ken Woodgate: „The Others“ (2001): Fantastische Umkehrung – Gertrud Rösch: Wächst das Rettende auch? Die Konzeptualisierung und Visualisierung des Bösen in den Filmen „Harry Potter“ (2001/2002) und „Men in Black“ (1997/2002)