Freitag, 31. Mai 2013

In ihrem Haus


 

In ihrem Haus (OT: Dans la maison, Frankreich 2012, Regie: Francois Ozon)

Handlung: Der Literaturlehrer Germain, desillusioniert und enttäuscht von den Fähigkeiten seiner Schüler, liest eines Tages einen Aufsatz des 16-jährigen Claude. Der berichtet darüber, wie er sich langsam Eintritt in das Haus und den Alltag der Familie eines Klassenkameraden verschafft hat. Claude liefert immer neue Texte, die alle mit den Worten „Fortsetzung folgt“ enden. Germain ist von der Beobachtungsgabe und dem Talent seines Schülers fasziniert und beschließt, ihn bei seinen schriftstellerischen Versuchen mit allen Mitteln zu fördern. Und das löst eine Reihe dramatischer Ereignisse aus...

Kritik: Dieser Film ist eine wunderbare Reflexion über das Schreiben, darüber, wie Geschichten entstehen und Figuren entwickelt werden. Und das dürfte eigentlich auch Kinoliebhaber interessieren. In jeder Wohnung, in jedem Haus und hinter jedem Fenster warten Geschichten, die aufgeschrieben werden wollen, so das Fazit am Ende des Films. Es bedarf dazu nur eines Beobachters mit viel Fantasie und schriftstellerischem Talent. In dem Film selbst gehen Realität und Fiktion mit zunehmender Dauer so ineinander über, dass der Zuschauer irgendwann nicht mehr weiß, was wirklich passiert ist und was der Gedankenwelt des jungen Schriftstellers entsprungen ist. Das funktioniert wunderbar, und die Ereignisse im Film entwickeln eine mitreißende Eigendynamik, es kommt immer wieder zu spannenden Wendungen. Die Tipps, die der Lehrer seinem Schüler gibt, hat der Regisseur Ozon bereits verinnerlicht. Er beobachtet seine Figuren genau, geht mit der Kamera oft nah an sie heran und kreiert eine wunderbare Atmosphäre. Sehr gut ausgewählt wurden ausnahmslos alle Darsteller. Ernst Umhauer bringt die Figur des Claude glaubhaft und authentisch rüber: mal braver Schüler, dann in einem fremden Haus umherschleichender, aus dem Dunkeln heraus agierender Voyeur, der selbst intimste Situationen beobachtet – und aufschreibt. Sehr gut gefallen hat mir auch Emmanuelle Seigner (die Frau von Roman Polanski) als desillusionierte und im bürgerlichen Milieu gefangene Hausfrau mit unerfülltem Berufswunsch. Insgesamt ein rundum gelungener Film, der durchgehend unterhält, was an der gekonnten Inszenierung und den guten Darstellern sowie Dialogen liegt. Die Bezeichnung Thriller, die man im Zusammenhang mit diesem Film oft liest, halte ich aber für irreführend. Es ist für mich eher ein fantastisches Psychodrama mit komödiantischen und satirischen Elementen. Sollte man gesehen haben.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Germain und Claude sitzen auf einer Bank und schauen sich in der Dämmerung Häuser an. Hinter einer Vielzahl beleuchteter Fenster (die aussehen wie kleine Fernsehbildschirme) passiert etwas, warten Geschichten, die entdeckt und aufgeschrieben werden wollen

Bewertung: (8/10)