Montag, 24. Juni 2013

Mama


 

Mama (OT: Mama, Spanien/Kanada 2013, Regie: Andrés Muschietti)

Handlung: Infolge der Wirtschaftskrise 2008 tötet der verzweifelte Geschäftsmann Jeffrey Partner und Ehefrau. Er flieht im Auto mit seinen beiden Töchtern, der dreijährigen Victoria und ihrer einjährigen Schwester Lilly. Als er die Kontrolle über den Wagen verliert, stürzt dieser einen Abhang hinunter. Doch die drei überleben und finden Unterschlupf in einer verlassenen Hütte im Wald. Dort will Jeffrey seine Töchter umbringen und dann Selbstmord begehen. Als er mit der Pistole auf seine älteste Tochter zielt, erscheint eine Geistwesen und zieht ihn aus der Hütte. Fünf Jahre später werden die Kinder von ihrem Onkel Lucas gefunden. Sie sind in einem verwilderten und abgemagerten Zustand, bewegen sich vornehmlich auf allen vieren und sprechen nicht. Die Kinder kommen bei ihrem Onkel und dessen Partnerin Annabel unter. Ein Psychiater findet in Gesprächen mit der nun achtjährigen Victoria heraus, dass sich die Kinder einen mysteriösen Charakter eingebildet haben, so glaubt er zumindest, den sie „Mama“ nennen. Doch Mama ist keine Einbildung, sondern ein Geist, der nicht bereit ist, seine beiden Kinder einfach so herzugeben...

Kritik: Die von Guillermo del Toro produzierte und von Regisseur Andrés Muschietti erzählte Geschichte präsentiert uns einen atmosphärisch dichten Geisterhorror mit Anleihen beim Märchen und dem japanischen Geisterfilm. Ob man das nun als Hommage oder Bilderklau bezeichnet, spielt dabei für mich keine so große Rolle. Wichtig ist, dass „Mama“ durchgehend spannend ist und famose, düstere Bilder bietet. Der Film setzt zwar eher auf einen subtilen Schauer, hat aber auch einige Schockmomente, die einen regelrecht umhauen, obwohl man sie zum Teil erwartet und vorhersehen kann. Der Film hat eine visuelle Kraft, der man sich kaum entziehen kann.

Die Figuren sind inklusive aller Nebenrollen mit passenden Darstellern besetzt. Besonders gut fand ich Jessica Chastain. Die hat in ihrer Karriere für ihre guten darstellerischen Leistungen schon zahlreiche Filmpreise bis hin zu einer Oscar-Nominierung erhalten. Glaubhaft stellt sie in „Mama“ Annabel dar, die in der Geschichte eine Entwicklung durchmacht von der von Kindern genervten und im Umgang mit ihnen eher überforderten Rockröhre hin zur Mutterfigur, die am Ende so stark und gefestigt ist, dass sie in dem furiosen Finale des Films bereit ist für die ultimative Auseinandersetzung mit Mama. Überhaupt schlägt der Film schnell die Richtung ein, die auf das Ende hindeutet. Annabels Freund, der Onkel der Mädchen, liegt den halben Film lang im Koma, sodass schnell klar wird, worauf der Film hinausläuft: einen Konkurrenzkampf zweier „Mütter“ um die Kinder. Apropos Kinder: Überragend sind die beiden Mädchen Megan Charpentier (als Victoria) und Isabelle Nélisse (als Lilly). Während des gesamten Films geht von den beiden eine unheimliche Bedrohung aus, was an der Art liegt, wie sie kommunizieren und sich bewegen (besonders die jüngere der Schwestern), aber vor allem daran, dass sie sich immer wieder zu Mama hingezogen fühlen, dem Wesen, das sie großgezogen und ernährt hat. Mama dringt immer öfter in die bürgerliche Familie ein und ist für die Erwachsenen eine tödliche Gefahr, für die Kinder scheinbar nicht. 

Eine der besten Einstellungen ist eine Art „Splitscreen“ durch geschickte Mise-en-scene, die zeigt, wie Grusel im Kopf des Betrachters entsteht, ohne irgendetwas Gruseliges im Bild zu präsentieren. Die Kamera zeigt rechts im Bild die Tür zum Kinderzimmer, wo Lilly mit jemandem spielt. Sie zerrt an einer Decke, die von einer anderen Person, die man nicht sehen kann, festgehalten wird. Links im Bild sieht man den Flur, auf dem nacheinander all die Personen entlanggehen, die als Spielpartner von Lilly überhaupt infrage kommen. Wer ist aber dann mit Lilly im Zimmer?

Natürlich hat der Film auch kleine Schwächen. Manchmal erzählt er mit der Holzhammermethode, zum Beispiel als sich Annabel am Anfang des Films über das negative Ergebnis eines Schwangerschaftstest freut. Dass Kinder eigentlich so gar nicht in den Lebensentwurf von Annabel (und auch Lucas) passen, kann man auch anders darstellen, und es wird später in der Erzählung sowieso noch deutlich, zum Beispiel in den Sequenzen um den Sorgerechtsstreit. Auch andere Bilder wirken etwas redundant und überstrapaziert (wie das häufige Auftreten von Motten), und das bombastische Finale mit CGI-Unterstützung ist sicher auch nicht jedermanns Sache. Sicher wäre auch zu überlegen gewesen, Mama im letzten Drittel des Films nicht ganz so häufig ins Bild zu nehmen, dadurch verliert sie etwas von ihrem Zauber. Andererseits ist das Design der Figur so klasse, dass man sie auch nicht zu verstecken braucht. Guillermo del Toro war von dem Aussehen des Geistes regelrecht umgehauen, wie er in den Extras zum Film betont. Das wird sicher auch manchem Zuschauer so gehen.

Obwohl „Mama“ dramaturgisch aufgebaut ist wie fast jede klassische Geistergeschichte und von flackernden Lampen bis wackelnden Kronleuchtern alles bietet, was die Ghosthorror-Mottenkiste so hergibt, übt er doch eine besondere Faszination auf den Betrachter aus. Das liegt vor allem an der spannenden Geschichte, den famosen Bildern und nicht zuletzt den wirklich überragenden Kinderdarstellern. Und auch der „matriarchale Ansatz“ hat seinen Reiz, wird der Film doch getragen von weiblichen Darstellern. Die Männer sind entweder dumme, in Panik geratene Väter, im Koma oder ohnmächtig auf dem Boden liegende Onkel oder einfältige Psychiater, die nachts in den Wald rennen, obwohl sie gerade die Überzeugung gewonnen haben, dass es sich tatsächlich um einen gefährlichen Geist handeln könnte. Na gut, der Schauspieler hinter Mama ist ein zwei Meter großer dürrer Mann, aber das nur am Rande. Freunde des klassischen Geisterhorrors sollten sich diesen Film auf keinen Fall entgehen lassen.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Mama // die beiden verwilderten Mädchen in der Hütte, wie sie aussehen und sich bewegen // die kleine Lilly, die im Haus ihrer großen Schwester gekrümmt hinterherläuft, weil sie noch nicht sicher aufrecht gehen kann

Bewertung: (8,5/10)