Montag, 10. Juni 2013

Painless





Painless (OT: Insensibles, Spanien/Frankreich/Portugal 2012, Regie: Juan Carlos Medina)

Handlung: Die Handlung dieses Films spielt sich auf zwei zeitlichen Ebenen ab. Im Spanien der Gegenwart erleben wir die Geschichte des Chirurgen David. Nach einem Autounfall, bei dem er seine hochschwangere Frau verliert, erfährt David, dass er an Lymphdrüsenkrebs leidet. Er benötigt dringend eine zu hundert Prozent passende Knochenmarkspende. Also wendet er sich an seine Eltern und bittet sie um Hilfe. Er erfährt, dass seine Eltern nicht seine biologischen Eltern sind. Nun macht er sich auf die Suche nach seinen wahren Eltern. Der zweite Handlungsstrang beginnt Anfang der 30er-Jahre in Spanien und zieht sich über mehrere Jahrzehnte der Franco-Diktatur hin. Eine Gruppe von Kindern, die kein Schmerzempfinden haben, wird in einem zu einem Sanatorium umfunktionierten Zuchthaus interniert. Sie vegetieren in Einzelzellen vor sich hin, weil sie für sich und andere eine Gefahr darstellen. Der kleine Junge Benigno ist einer von ihnen. Sein Schicksal ist auf verheerende Weise mit dem des Arztes David verknüpft...

Kritik: Der Film beginnt mit einer Szene im Wald. Ein Mädchen steht an einem Feuer. Ihr Unterarm brennt, doch sie verzieht keine Miene. Ein weiteres Mädchen kommt hinzu, will das faszinierende Spiel auch probieren und verbrennt. Das erste Mädchen gehört zu einer Handvoll Kindern mit Gendefekt, die keine Schmerzen spüren können. Dorfgesellschaft und Kirchenobere beschließen, diese gefährlichen Kinder wegzusperren und zu isolieren, weil sie eine Gefahr für andere darstellen. Hier deutet sich im Kleinen bereits an, was sich in den nächsten Jahren in Spanien zutragen wird. Die Etablierung einer faschistischen Diktatur, die, mit Unterstützung des Katholizismus und einer intoleranten, verängstigten Gesellschaft keinerlei abweichendes Verhalten toleriert. Dabei zeigt eine Episode, dass den Kindern durchaus hätte geholfen werden können. Ein Spezialist aus Deutschland, ein Jude, hat mit ihnen eine Therapie angefangen, doch in den Wirren des spanischen Bürgerkriegs ist eine weitere Behandlung der Kinder nicht mehr möglich. Als Zuschauer nehmen wir teil am Schicksal von Benigno, der Jahrzehnte in der Zelle überlebt und sich vom kleinen Jungen durch die gesellschaftlichen Umstände zu einem wahren Monster entwickelt... Auf der anderen Erzählebene muss sich der Arzt David bei der Suche nach seinen biologischen Eltern einer unrühmlichen Familienhistorie stellen. Sein Weg führt ihn in jenes Zuchthaus, in dem Benigno sein gesamtes Leben fristete.

Gekonnt führt Juan Carlos Medina die zwei Handlungsstränge zusammen. Medinas Abrechnung mit der unrühmlichen Geschichte Spaniens steht in einer Reihe mit Guillermo del Toros hervorragenden Filmen „The Devil's Backbone“ und „Pan's Labyrinth“. Auch diese beiden Filme sind eine Auseinandersetzung mit der Franco-Diktatur anhand des Schicksals von Kindern und bedienen sich der Stilmittel von Horrorfilm und fantastischem Film. Juan Carlos Medinas Film hätte also auch Guillermo del Toro gut zu Gesicht gestanden, dessen letzter Teil seiner „Spanischen Trilogie“ ja noch aussteht. „Painless“ ist solide erzählt und man will, auf beiden Handlungsebenen, immer wissen, was als Nächstes passiert. Als Zuschauer ahnt man zwar schon sehr bald, welche Richtung „Painless“ einschlagen könnte, aber man verliert dennoch nie das Interesse. Zum Ende hin wird der Film immer fantastischer, einige Fragen und Logiklöcher bleiben. Doch das schadet kaum, übt „Painless“ doch eine dermaßen starke erzählerische Sogwirkung und Faszination aus, dass man sogar über das von viel Pathos getragene Ende hinwegzusehen bereit ist. „Painless“ endet, wie er angefangen hat: mit Feuer. Hier behandelt der Film noch einmal dezidiert in symbolischer Form den Aspekt von Kontinuität (Augen) und Diskontinuität (Tod in den Flammen), von persönlicher und politischer Geschichte.

Wer einen üblichen Horrorfilm sehen will, der einem Schockmomente und Angstlust am Fließband beschert, sollte zu einem anderen Werk greifen. „Painless“ ist ein ruhig erzählter Film mit einer sehr interessanten, düsteren Geschichte und Atmosphäre. Story und Bilder gehen unter die Haut und wirken noch lange nach. Medinas Film ist all denen zu empfehlen, die auch den zwei hier erwähnten Filmen von Guillermo del Toro etwas abgewinnen konnten und für die das Wort Anspruch nichts Abschreckendes hat. Ich bin gespannt, was wir von dem Regisseuer Juan Carlos Medina noch zu erwarten haben. Der Anfang war schon mal grandios.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: der Autounfall // brennende Mädchen // sich selbst verletztende Kinder // einem Welpen wird von Benigno eine Niere entnommen // Benigno als zorniges Kind // Benigno als Erwachsener und Greis // das feurige Ende

Bewertung: (8,5/10)