Samstag, 8. Juni 2013

The Awakening





The Awakening (OT: The Awakening, Großbritannien 2011, Regie: Nick Murphy)

Handlung: England 1921: Eine Million Menschen haben durch Spanische Grippe und Ersten Weltkrieg ihr Leben verloren, Verlust und Trauer überziehen das Land. Es ist eine gute Zeit für Geister, Séancen haben Hochkonjunktur. Doch die emanzipierte Florence Cathcart (Rebecca Hall) hat es sich zur Aufgabe gemacht, falsche Geistererscheinungen, betrügerische Medien und Scharlatane zu entlarven. Sie beherrscht ihr Handwerk, mit technischen Hilfmitteln und gesundem Menschenverstand überführt sie die Betrüger. Außerdem hat sie ein Buch zu dem Thema geschrieben, das ein Bestseller wurde. Dadurch aufmerksam geworden, steht eines Tages Internatsleiter und Geschichtslehrer Robert Mallory (Dominic West) vor ihrer Tür. Er bittet Florence, mit ihm in sein Internat zu kommen, wo gerade ein Schüler gestorben ist, der behauptet hatte, einen Geist gesehen zu haben. Als Beweis zeigt Mallory einige Fotos von Schulklassen, auf denen immer derselbe Junge unscharf und verschwommen zu sehen ist. Florence glaubt ihm zwar nicht, spricht von Doppelbelichtungen, lässt sich aber letztendlich doch dazu überreden, mit Mallory mitzukommen und die Phänomene an der Schule zu untersuchen. Sie baut ihre technischen Apparaturen auf und kann tatsächlich einen Schüler überführen, der sich einen Streich erlaubt hat. Doch dann passieren ungewöhnliche Dinge, und Florence fängt langsam an, an ihrem rationalistischen Weltbild zu zweifeln...

Kritik: „The Awakening“ ist ein klassischer Gruselfilm mit wenigen, aber gut gesetzten Schockmomenten. Trotz eines furiosen Anfangs, in dem die Geisterjägerin Florene in Zusammenarbeit mit der Polizei eine Séance sprengt, lässt sich der Film im weiteren Verlauf Zeit, seine Geschichte zu erzählen. Die im Geist des Rationalismus erzogene, emanzipierte, rauchende Florence Cathcart wird dabei von der außenstehenden kritischen Beobachterin immer mehr zum Teil der Geschichte, die sich letztendlich als ihre eigene Geschichte entpuppt. Die britische Schauspielerin Rebecca Hall fasziniert nicht nur durch ihr Aussehen und ihre rehbraunen Augen, sondern sie spielt die Rolle intensiv und gekonnt. Ihre Figur Florence macht während des Films eine Entwicklung durch von der selbstsicheren Geisterjägerin hin zur verletzlichen, zweifelnden und ihren eigenen Sinnen nicht mehr trauenden, liebesbedürftigen Frau. Die Darstellung der Florence Cathcart brachte Rebecca Hall immerhin eine Nominierung für den British Independent Film Award als beste Schauspielerin ein. Und das zu Recht.

Der auf Blutfontänen und ähnliche Gore-Effekte völlig verzichtende Film ist das absolute Gegenteil des modernen Folterhorrors. Er überzeugt durch stimmungsvolle Settings und schaurige Atmosphäre. „The Awakening“ hat eine fast monochrom wirkende, herbstliche Anmutung. Grau-, Gelb- und Brauntöne dominieren die Farbgebung. Überhaupt liegt eine Stärke des Films im visuellen Bereich. Die Kamera zeigt uns in langen, ruhigen Einstellungen ganz genau, was passiert. Diese langen Einstellungen lassen die wenigen, aber guten Schockmomente umso intensiver wirken. Als Florence ein Bad nimmt, zeigt uns die Kamera rund 50 Sekunden lang ohne Schnitt das Gesicht der Protagonistin, schwenkt kurz weg, um dann wieder das Gesicht zu zeigen. Über zwei Minuten von Tarkowskij'scher Intensität. Besonders gruselig ist eine Puppenhausszene. Florence schaut in ein Puppenhaus und sieht in verschiedenen Räumen mit gesichtslosen kleinen Puppen Szenen nachgestellt, die an das erinnern, was in dem Film bis dahin passiert ist. In einem Raum sieht sie eine Figur, die ebenfalls in ein Puppenhaus blickt (sich selbst?). Hinter der Figur steht jemand... Und auch eine kleine Kamera scheint es im Puppenhaus zu geben, denn wir sehen im Gegenschnitt, aus dem Inneren des Puppenhauses aufgenommen, wie Florence durchs Fenster ins Puppenhaus hineinblickt. Diese Sequenz erinnert an ähnliche Szenen in „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“ und Monsterfilme, in denen die Bestien von außen in Zimmer blicken...

„The Awakening“ ist ein dramaturgisch gut aufgebauter, stilsicher und spannend inszenierter Geisterfilm mit überraschenden Wendungen und eindrucksvollen Bildern. Für mich einer der besten Grusler der letzten Jahre...

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Florence schaut ins Puppenhaus // Kissengesicht // verzerrtes Gesicht des Geistes // Spiegelung im Wasser

Bewertung: (8/10)