Sonntag, 30. März 2014

Aelita – Der Flug zum Mars




Aelita - Der Flug zum Mars (OT: Aelita, Sowjetunion 1924, Regie: Jakov Protasanov, SW)

Kritik: Der 1924 in der Sowjetunion erschienene Stummfilm „Aelita“ erzählt die Geschichte des Ingenieurs Losj gegen Ende der russischen Bürgerkriegszeit um 1921. Der Film besteht im Grunde aus zwei Handlungssträngen. Im ersten wird der von Elend und Armut bestimmte Moskauer Alltag gezeigt. Losj' Frau Natascha arbeitet am Kursker Bahnhof, der damals gleichzeitig ein Hospital und Durchgangsstation für Flüchtlinge, Deportierte und andere Kriegsopfer war. Wir lernen den korrupten Beamten Erlich kennen und noch einige andere Personen, die zum Teil von den guten alten Zeiten schwärmen. Der zweite Handlungsstrang besteht aus der Mars-Thematik. Gleich zu Beginn des Films erhalten Radiostationen in ganz Europa Signale mit den undechiffrierbaren Worten „Anta Odeli Uta“. Ingenieur Losj befasst sich näher mit den Signalen und vermutet, dass sie vom Mars kommen. Doch die Bedeutung der Worte kann auch er nicht entschlüsseln.

Er flüchtet sich aber von nun an zunehmend in Tagträume, in denen er Visionen vom Leben auf dem Mars hat. Er entwickelt unter anderem Pläne für den Bau einer Rakete. Die beiden Handlungsstränge werden zusammengeführt, als Losj im Eifersuchtswahn seine Frau erschießt. Er flieht an den Stadtrand von Moskau, wo er in eine Rakete steigt und zum Mars fliegt. Begleitet wird er von dem Rotarmisten Gussev, den die Tatenlosigkeit nach den Revolutionskriegen und seine Ehe langweilen, und einem Detektiv, der sich auf die Fersen des vermeintlichen Mörders gemacht hat und kurz vor dem Start in die Rakete gelangt ist. Auf dem Mars herrscht eine Art totalitäres Regime, Arbeitssklaven, die gerade nicht benötigt werden, lagert man dort eingefroren in Kühlhäusern. Losj verliebt sich in Aelita, die Königin vom Mars, während der Rotarmist eine Revolution anzettelt. Losj tötet Aelita später, weil diese sich zwar am Anfang auf die Seite der Aufständischen stellte, sich letztendlich aber doch als unverbesserliche Tyrannin entpuppte, die, um in realpolitischen Termini zu sprechen, nicht bereit war, den Schritt von der bürgerlichen (Marseillaise-Musik!) zur proletarischen Revolution zu vollziehen, sondern die Arbeiter weiterhin versklaven wollte. Als Losj auf der Erde aus seinen Tagträumen erwacht, entdeckt er, dass die Worte „ Anta Odeli Uta“ nichts anderes waren als Reklame für eine Handelsmarke. Es stellt sich heraus, dass er seine Frau nicht erschossen hat. Losj verbrennt seine Konstruktionsunterlagen für eine Rakete mit den Worten: „Genug geträumt, uns alle erwartet eine andere, richtige Arbeit.“ Mit diesem symbolischen Abschied von seinen phantastischen Tagträumereien endet der Film. Das Leben in Moskau ist nicht mehr so chaotisch wie am Anfang, Natascha arbeitet nun in einem Kinderheim und auch gegen die Korruption wurde etwas unternommen (der korrupte Beamte Erlich wurde festgenommen). Ein kommunistisches Happy End.



Plakat zum Film

Der Film basiert auf der Novelle „Aelita“ von Alexej Tolstoi (1883-1945). Tolstoi, der bei Ausbruch der Oktoberrevolution den Zielen und Bestrebungen der neuen Machthaber eher kritisch gegenüberstand, hatte seine Heimat verlassen und war nach Westeuropa emigriert. Doch enttäuscht von den Zuständen im Westen, der antisowjetischen Haltung vieler Emigranten und getrieben von der Sehnsucht nach der Heimat, fasste er den Entschluss, nach Russland zurückzukehren. In der sowjetischen Botschaft in Berlin verfasste er 1921 den Marsroman „Aelita“. Der Regisseur des Films, Jakov Protasanov, teilte ein ähnliches Schicksal. Auch er war zunächst aus Russland emigriert (1918), kehrte aber 1922 in die Sowjetunion zurück. Das Thema Emigration kommt auch in dem Film selbst vor.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Protasanov im Westen „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) gesehen hat. Die Kulissen auf dem Mars erinnern an die expressionistischen Kulissen des Films von Robert Wiene, ergänzt durch eine Melange aus Bauhaus, Kubismus und russischem Konstruktivismus. Auch die ausgefeilten Werbestrategien für beide Filme weisen Parallelen auf. Mit den Worten „Du musst Caligari werden!“, die auf Werbeplakaten, Transparenten und Zeitschriften in ganz Berlin zu lesen waren, ohne dass zu dem Zeitpunkt für die Bevölkerung klar war, worum es sich eigentlich handelte, wurde für den Film von Robert Wiene geschickt Werbung gemacht. „Aelita“ wurde Ende September 1924 im Moskauer Kino Ars (heute Stanislawski-Theater) uraufgeführt. Die Werbung für den Film setzte schon ein halbes Jahr vorher ein. Seit dem 26. Februar druckte die Zeitschrift Kinogazeta die Worte „Anta Odeli Uta“ ohne weitergehende Erläuterungen ab. Ausgabe für Ausgabe. Diese Worte begegneten den Zeitgenossen bis kurz vor der Uraufführung immer wieder, auf Plakaten, Zaunwänden oder Transparenten, die quer über Straßen gespannt waren. Ab April wurden die drei Worte bisweilen ergänzt durch den Satz: „Seit einiger Zeit empfangen Radiostationen auf der ganzen Welt unbekannte Signale...“ Kurz vor der Uraufführung druckte die Kinogazeta einen Text, der darüber informierte, dass die Signale nun entschlüsselt seien. Die Auflösung gäbe es im Kino Ars zu sehen. Kein Wunder, dass die erste Science-Fiction-Großproduktion der Sowjetunion, das teuerste Projekt des noch jungen sowjetischen Films, ein Megaerfolg wurde. Der weibliche Vorname Aelita soll sogar bei jungen Eltern nach 1924 besonders beliebt gewesen sein.

Sowohl Roman als auch Film sind ein offenes Bekenntnis zu den Zielen der Revolution und enthalten in dem Sinne Elemente von Propaganda, allerdings noch nicht so dogmatisch und schematisiert wie ab Anfang der 30er-Jahre (sozialistischer Realismus). Rückblenden auf die gute alte Zeit, in der der Wein noch nicht sauer schmeckte und Ordnung herrschte, enthalten deutliche Seitenhiebe auf die im vorrevolutionären Russland herrschende soziale Ungleichheit: Ein Mensch muss dem anderen die Schuhe putzen, eine Gruppe auf dem Bürgersteig wird genötigt stehen zu bleiben, weil Mitglieder der feinen Gesellschaft den Weg kreuzen. Realistisch wird im Film aber auch der nachrevolutionäre Alltag gezeigt, der geprägt ist von Lebensmittelkarten, Wohnungsnot, Korruption und Spekulation sowie illegal veranstalteten Bällen für eine ausgesuchte Gesellschaft.



Die Marskönigin kann auch zickig

Die Bedeutung des Films ist, ähnlich wie sein Inhalt, auf zwei Ebenen angesiedelt. „Aelita“ ist ein wertvolles Zeitdokument und ein sehr genaues Alltagsporträt Moskaus zur Zeit der „liberalen“ Neuen Ökonomischen Politik. Protasanov, der gerne Spielfilmszenen mit dokumentarischen Aufnahmen verband, zeigt uns auch hier zahlreiche authentische Aufnahmen von Originalschauplätzen mit Statisten aus dem einfachen Volk. Unter anderem sind Bilder einer Demonstration auf dem Roten Platz (ohne Lenin-Mausoleum) zu sehen. Das Minin-und-Poscharski-Denkmal steht dabei noch im Zentrum des Roten Platzes und nicht wie heute vor der Basilius-Kathedrale, und der Rote Platz selbst ist noch nahezu unbefestigt, mit Gras und Stroh bedeckt. Wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ ist auch „Aelita“ ein Schlüsselfilm seiner Zeit, in dem sich Historie und Entstehungsbedingungen gleich mehrfach spiegeln (Kunst, Politik, Film). „Aelita“ erzählt die Geschichte seiner Zeit und von Helden, die sich von ihrer Vergangenheit trennen und die neue Wirklichkeit akzeptieren. Phantastische Träumereien werden verworfen, stattdessen gilt es, sich an die wirklich wichtige Arbeit zu machen, den Aufbau einer Utopie auf Erden. Filmhistorisch bedeutsam ist „Aelita“, weil es sich um einen der ersten Langfilme des Science-Fiction-Genres überhaupt handelt und er mit seinen Dekors und Kostümen die Vorstellung von futuristischen Gesellschaften prägte. Allein wenn man sich die Folgen der einflussreichen amerikanischen „Flash Gordon“-Serie aus den dreißiger Jahren anschaut, wird man zahlreiche Ähnlichkeiten entdecken können. Und glaubt man dem Eintrag in der russischsprachigen Wikipedia, dann wurde auch einer der Väter der sowjetischen Kosmonautik, der Raketenkonstrukteur Boris Tschertok (1912-2011), in seiner Biografie wesentlich von dem Film „Aelita“ beeinflusst, weil er in ihm das Interesse für Radiotechnologie, Fliegerei und Raumfahrt weckte.

„Aelita“ ist ein Stummfilmklassiker und ein Meilenstein des Science-Fiction-Genres. Einer von den Filmen, bei denen man froh sein kann, dass sie der Nachwelt erhalten geblieben sind. Denn einige Jahre später kam der Film in der Sowjetunion auf die Liste der verbotenen Werke. Das änderte sich erst mit Ende des Kalten Krieges gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Die Schwäche des Films, die allzu offensiv verkündete ideologische Botschaft, wird allemal wettgemacht durch seine filmästhetischen Vorzüge. Er überzeugt durch seine dokumentarischen Aufnahmen und die überraschend genaue Darstellung des zeitgenössischen Moskau einerseits, andererseits durch seine wegweisenden phantastischen Bilder und Kulissen vom Mars. Diese stilistische Dichotomie von Realismus und Phantastik gibt dem Film einen ganz besonderen Reiz. Darüber hinaus sind die schauspielerischen Leistungen grandios. Der Regisseur verpflichtete in erster Linie erfahrene Theaterschauspieler, und um eine Schönheit für die Rolle der Aelita zu finden, führte Protasanov ein mehrere Tage dauerndes Casting durch. Unzählige Anwärterinnen sollen sich für die Rolle der Marskönigin beworben haben, die letztendlich an die junge Schauspielerin Julia Solnzewa vergeben wurde.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Parade auf dem Roten Platz // Aelita // Marsarbeiter auf Fließband // Marsianer schauen durch Teleskop // Marskulissen // Revolution auf dem Mars

Bewertung: (9/10)