Sonntag, 27. Juli 2014

Der unheimliche Gast



 
Der unheimliche Gast (OT: The Uninvited, USA 1944, Regie: Lewis Allen, SW)

Kritik: Für Regie-Ass und Horrorfilm-Produzent Guillermo del Toro (u.a. „The Devil's Backbone“, 2001, „Pans Labyrinth“, 2006) zählt „Der unheimliche Gast“ zu den Filmen, die ihn am stärksten erschreckt haben. Und auch Martin Scorsese führt den Film in seiner Liste der „11 Scariest Horror Movies Of All Time“. Im Film „Poltergeist“ (1982) findet sich mit dem Zitat „Mmh, smell the Mimosa“ eine direkte Anspielung auf den Vorläufer. Diese Fakten allein, die Frank Arnold im beiliegenden Booklet zusammengetragen hat, verweisen schon auf die filmhistorische Bedeutung und den in Kennerkreisen hohen Bekanntheitsgrad des Films.

In „Der unheimliche Gast“ geht es um ein Geschwisterpaar, das ein altes Haus an der englischen Küste erwirbt. Schnell stellt sich heraus, dass es in dem alten Gemäuer spukt. Der geisterhafte Horror, der sich allmählich entspinnt, ist eng mit der Geschichte der Enkelin des Vorbesitzers verbunden, die Kontakt zu den neuen Besitzern des Hauses aufnimmt. Thema, Dramaturgie und Erzählweise von „Der unheimliche Gast“ bilden quasi das Grundmodell, an dem sich alle späteren Haunted-House-Filme (Geisterhausfilm, Spukhausfilm) mehr oder weniger orientierten. Ganz langsam steigert sich die düstere Atmosphäre. Am Anfang ist es ein Hund, der sich weigert, in die oberen Stockwerke des Hauses zu gehen, dann sind es Seiten eines Buches, die sich wie von Geisterhand umblättern, und Türen, die sich von selbst bewegen. Fremdartige Geräusche und Geisterstimmen in der Nacht fehlen nicht, und gruselige Höhepunkte sind die Szenen, in denen sich die Geister aus einem plötzlich aufkommenden Nebel heraus materialisieren und für die Protagonisten und den Zuschauer sichtbar und bedrohlich werden. Diese Sequenzen wurden in Großbritannien übrigens von der Zensur entfernt, weil man glaubte, sie seien für den Zuschauer zu angsteinflößend. In der Tat galt in Großbritannien während des Zweiten Weltkriegs nahezu ein Horrorfilmverbot. Zu nah und real waren die alltäglichen Schrecken des Krieges.

Die hervorragende Schwarz-Weiß-Fotografie des Kameramanns Charles Lang brachte dem Film sogar eine Oscarnominierung in der Kategorie „Beste Kamera in einem Schwarz-Weiß-Film“ ein. Langs gekonnter Umgang mit Licht und Schatten gibt dem Film eine zeitweise besonders düstere Stimmung und dürfte auch der Hauptgrund dafür gewesen sein, dass „Der unheimliche Gast“ in die Reihe „Film Noir“ aufgenommen wurde. Das war nicht unbedingt zu erwarten und vermarkterisch vielleicht auch nicht ganz klug, denn Film Noir definiert sich für viele nicht nur filmästhetisch und stilistisch, sondern auch thematisch. Unter einem Film Noir stellt sich die große Mehrheit eben immer noch einen Film vor, in dem es um die Aufklärung eines Kriminalfalls geht, in dem ein abgehalfterter Privatdetektiv einen Auftrag von einer meist sehr schönen und geheimnisvollen Femme fatale erhält etc. Vorstellbar, dass Fans des phantastischen Films, denen der Titel „Der unheimliche Gast“ bzw. „The Uninvited“ nichts sagt, bei Film Noir einfach weitergehen/weiterklicken und so einen Film verpassen, der ihnen eigentlich zugesagt hätte.

„Der unheimliche Gast“ ist ein atmosphärisch dichter Grusler mit einigen wenigen humoristischen Elementen. Dem heutigen, Splatter- und Torture-Porn-Filme schauenden Gorehound kann der Schwarz-Weiß-Film aus dem Jahr 1944 natürlich keine Schrecken mehr einjagen. Und wer ausschließlich auf Blut und Gedärme steht, der sollte die Finger von diesem Spukhaus-Klassiker lassen. Wer sich jedoch an wohligem Schauer, wenigen und gemäßigten Schreckmomenten und schöner, düsterer Schwarz-Weiß-Fotografie delektieren kann, der sollte zugreifen. Und auch filmbildungstechnisch lohnt dieser Ghost-Trip zu den Anfängen des Subgenres der Haunted-House-Filme. „Der unheimliche Gast“ bildet das Grundmodell des typischen Geisterhausfilms und steht am Beginn einer langen Tradition von Filmen wie „Schloss des Schreckens“ (1961), „Bis das Blut gefriert“ (1963), „Amityville Horror“ (1979), „Shining“ (1980), „Poltergeist“ (1982) etc.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Materialisation der Geister aus dem Nebel

Bewertung: 7/10