Dienstag, 25. Februar 2014

Der erste Horrorfilm von Jess Franco und Spaniens erster echter Beitrag zum Horrorgenre



Der schreckliche Dr. Orloff (OT: Gritos en la Noche/L'horrible Dr. Orlof, AT: Schreie durch die Nacht, Spanien/Frankreich 1961, SW, Regie: Jesús Franco)

Kritik: Der wahnsinnige Dr. Orloff ist davon besessen, seiner Tochter, die bei einem Brand im Labor grauenhaft entstellt worden ist, ein neues Gesicht zu verschaffen und ihre ehemalige Schönheit wiederherzustellen. Dazu entführt er mit seinem taubstummen und blinden Diener Morpho junge Prostituierte und Sängerinnen, die er ermordet und als Übungsobjekte für seine Transplantationsversuche hernimmt. Der junge Inspektor Tanner soll das Verschwinden der Mädchen aufklären, Presse und Vorgesetzter erwarten rasche Erfolge. Wanda, die Verlobte des Inspektors, versucht auf eigene Faust, den Fall zu klären. Als „schamloses Mädchen“ verkleidet, begibt sie sich ins Nachtleben. Da sie Dr. Orloffs Tochter sehr ähnlich sieht, dauert es nicht lange, bis sie dem Wahnsinnigen auf- und in die Hände fällt...

Die Handlung erinnert stark an den 1976 produzierten Film JACK THE RIPPER – DER DIRNENMÖRDER VON LONDON mit Klaus Kinski in der Rolle des Dr. Orloff. Regie führte bei dem Film ebenfalls Jesús (Jess) Franco. Und in der Tat wurde für JACK THE RIPPER das Drehbuch von DER SCHRECKLICHE DR. ORLOFF als Vorlage verwendet. Mit eigentlich nur einer Änderung: Das Transplantationsmotiv wurde hier weggelassen, Klaus Kinski spielt einen frauenhassenden Serienkiller. Einfluss auf die Entstehung von DER SCHRECKLICHE DR. ORLOFF hatten sicher zwei Filme, in denen ebenfalls Mad Scientists junge Frauen umbringen, um ihre Töchter zu retten: der 1960 produzierte französische Film AUGEN OHNE GESICHT von Georges Franju (OT: LES YEUX SANS VISAGE, AT: DAS SCHRECKENSHAUS DES DR. RASANOFF) mit einer ganz ähnlichen Thematik und DIE MÜHLE DER VERSTEINERTEN FRAUEN von Giorgio Ferroni (mit Pierre Brice in einer Hauptrolle) aus demselben Jahr. Jess Franco hat in seinem Film aber nicht einfach abgekupfert, sondern zeigt hier schon Ansätze eines eigenen Stils. DER SCHRECKLICHE DR. ORLOFF ist spannend erzählt, allerdings mit einigen zu lang geratenen Dialogszenen, die eher an „Derrick“ und die guten alten Edgar-Wallace-Filme erinnern. Einige stimmungsvolle Nacht-Aufnahmen bei Regen und Einstellungen im Schloss erinnern atmosphärisch an die Universal-Klassiker der 30er-Jahre. Und besonders versiert zeigt sich Franco hier bereits im Umgang mit Licht und Schatten.

Die Auswahl der Schauspieler und deren Leistungen sind durchgehend gut, besonders Howard Vernon als Dr. Orloff und Ricardo Valle als sein Diener Morpho sind ein gruseliges Duo. Francos Vorliebe für das Schöne, das Verrucht-Weibliche, wird in vielen Einstellungen des Films schon deutlich. Sowohl bei Nahaufnahmen der hübschen Wanda als auch bei der Inszenierung der Nachtclubszenen. Was die Operationsszenen angeht, hält sich Franco im Vergleich zu Franjus AUGEN OHNE GESICHT dezent zurück. Der Spanier lässt es hier bei Andeutungen. Wer Jess Franco bisher nur als Billig- und Schnellfilmer von Frauengefängnisfilmen und sexuell aufgeladenen, zum Teil surrealistischen Horrorfilmen kennt und ihn deswegen ablehnt (andere verehren ihn dafür), sollte sich sein Frühwerk DER SCHRECKLICHE DR. ORLOFF durchaus mal antun. Man lernt den Spanier so von einer etwas anderen Seite kennen. 

Gleich aus zwei Gründen ist DER SCHRECKLICHE DR. ORLOFF auch filmhistorisch bedeutsam. Es handelt sich um den ersten Horrorfilm von Jess Franco und um den ersten echten spanischen Beitrag zum Horrorgenre. Eine gemäßigte Liberalisierung des Regimes Anfang der 60er-Jahre ermöglichte es Jess Franco, sich diesem in Diktaturen eigenartigerweise stets ungeliebten Genre zu widmen. Offensichtlich mögen Diktatoren das Horrorgenre nicht, da es letztendlich immer auf extreme Weise die postulierte schöne heile Welt negiert. Die Figur des Dr. Orloff erhielt übrigens einige offizielle und inoffizielle Fortsetzungen. Der Film steht somit am Anfang einer hervorragenden spanischen Horrorfilmtradition, die sich über „reitende Leichen“ hinweg bis in die Gegenwart hinein immer auch dadurch auszeichnete, besonders atmosphärische Bilder und Stimmungen zu kreieren.

DER SCHRECKLICHE DR. ORLOFF wurde wohl niemals im deutschsprachigen Raum gezeigt, und so existiert auch keine deutsche Tonspur. Bei der vorliegenden Fassung handelt es sich um die internationale englischsprachige Langfassung, einige wenige Szenen sind auf Spanisch. Der gesamte Film ist deutsch untertitelt.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Morphos Gesicht // entstellte Tochter // Bootsfahrt mit Sarg

Bewertung: (6,5/10)

Montag, 4. November 2013

Society



Society (OT: Society, AT: Dark Society, USA: 1989, Regie: Brian Yuzna)

Kritik: Der junge Bill Whitney gehört der High Society von Beverly Hills an, hat reiche Eltern und eine hübsche Schwester. An der Highschool ist er äußerst beliebt, er steht kurz vor der Wahl zum Schulpräsidenten, und er hat eine hübsche Cheerleader-Freundin. Doch er besucht auch regelmäßig einen Psychiater, weil er unter Ängsten leidet und zunehmend Wahnvorstellungen entwickelt. Er beobachtet seine Schwester beim Duschen und glaubt, durch die durchsichtige Duschkabine zu sehen, dass ihr Körper total verdreht ist, der Po befindet sich vorne. Und tatsächlich scheinen sich auch Familie und Freunde langsam zu verändern. Als ihm ein Mitschüler ein merkwürdiges Tonband vorspielt, seine Eltern und seine Schwester unterhalten sich darauf über Inzest und Gruppensex, und dieser Schüler kurz danach stirbt, ahnt Bill, dass etwas Unheimliches in seiner Umgebung vorgeht. Er stellt mit seinem Freund Milo Nachforschungen an und kommt einer geheimen Gesellschaft auf die Schliche. Auf wilden Partys der High Society werden Menschen verspeist und es werden inzestuöse „Paarungen“ vollzogen. Eine solche Party findet ausgerechnet in Bills Elternhaus statt. Dort erfährt er, dass seine Eltern nicht seine richtigen Eltern sind, sondern dass er adoptiert und aufgezogen wurde mit dem Zweck, der elitären Gesellschaft eines Tages als Nahrung zu dienen. Dieser Tag ist nun gekommen. Als sich ein Mitgleid der Gesellschaft über Bill hermacht, grölt die Masse nur: „Saug ihn aus!“

Der Film „Society“ aus dem Jahr 1989 ist Brian Yuznas erste Regiearbeit und wohl einer seiner politischsten und bedeutendsten Filme. Die bissige Sozialkritik des Films funktioniert zeitlos. Auch und gerade heute liest sich „Society“ als Parabel auf aktuelle Herrschaftsverhältnisse und die zunehmende Aufspaltung der Gesellschaft in Arm und Reich. Yuzna kritisiert Korruption, Elitedenken und einen neuen Rassismus, einen Rassismus der Reichen gegenüber den Armen, die hier im wahrsten Sinne des Wortes „ausgesaugt“ werden. Ein Rassismus, der nur den Reichen u. a. uneingeschränkten Zugang zu Bildung, Gesundheit und gesellschaftlichen Ressourcen ermöglicht. In diesem Sinne haben die Mitglieder der High Society an die Unterschichten nur eine konservative, rassistische Botschaft, die im Film durch den Psychiater vermittelt wird, der Bill warnt: „Menschen sind nun mal das, was sie sind, und du musst lernen, die gesellschaftlichen Regeln, die wir haben, zu akzeptieren... Wenn du diese Regeln nicht akzeptierst, wird etwas ganz Schreckliches passieren... Es gibt Menschen, die Regeln aufstellen, und es gibt Menschen, die sie befolgen müssen... Es hängt nur davon ab, als was du geboren wirst.“ Noch konkreter wird der Psychiater auf der Party im Haus von Bills „Eltern“: „Bill, du gehörst zu einer anderen Rasse als wir, einer anderen Spezies, einer ganz anderen Klasse. Man wird hineingeboren in diese Gesellschaft.“ Hier erinnert der Film stark an John Carpenters Meisterwerk „Sie leben!“ Bills Kontrahent Ted, der ebenfalls der Gesellschaft angehört, bringt es ganz undiplomatisch noch direkter auf den Punkt: „Die Reichen haben arme Schlucker wie dich immer schon geschluckt.“

In John Carpenters Film sind es ja tatsächlich Außerirdische, während es sich in „Society“ wohl um eine alte Rasse handelt, die sich parallel zur menschlichen entwickelt hat. Der Film geht nicht genauer auf dieses Thema ein. Die Gefühlskälte der Mitglieder der geheimen Gesellschaft wird im Film auch symbolisiert durch das Verhalten von Bills Familie. Als Bill ihnen mitteilt, dass ein Mitschüler gestorben ist, reagieren sie kalt und uninteressiert. Seine Schwester will nur wissen, was er anzieht. „Auf der Beerdigung?“, fragt Bill. „Nein, auf der Party heute Abend.“

Der Film kommt in der ersten Hälfte noch etwas daher wie eine Teenagerkomödie, wenn auch hier schon mit klaren Anspielungen. Doch dann nimmt er schnell an Fahrt auf. Berühmt und berüchtigt ist der Film „Society“, der in Deutschland auch mal unter dem Titel „Dark Society“ veröffentlicht wurde, für seine Schlussszenen, die letzten circa 15 Minuten. Die Mitglieder der High Society mit ihren schleimigen, völlig deformierten Körpern, sinnbildlich wohl für die deformierte Psyche der anderen Rasse, feiern eine orgiastische, inzestuöse Orgie, bei der auch ein Mensch „ausgesaugt“ wird. Hier zeigt Yuzna „glitschige“, eklige Bilder, die man so noch nicht gesehen hat und sich nur mit gesundem Magen anschauen sollte. Musikalisch begleitet wird das Ganze von Johann Strauss' „An der schönen blauen Donau“. Hände suchen sich über den Anus den Weg durch den Körper und kommen aus dem Mund heraus, Körper verschmelzen miteinander, und manche Mitglieder der High Society verwandeln sich in echte „Arschgesichter“. Der Spezialeffekte-Künstler Joji „Screaming Mad George“ Tani hat hier ganze Arbeit geleistet (siehe Foto). Die Botschaft am Ende des Films ist eindeutig. Hier muss einiges „umgestülpt“ werden. Das letzte Wort haben aber wieder die Mitglieder der geheimen Gesellschaft, die ankündigen, ihre Aktivitäten nun nach Washington zu verlegen...

„Society“ sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Mit seiner zeitlosen Gesellschaftskritik und den fulminanten, einmaligen Bildern gegen Ende des Films erhebt er sich weit über den Durchschnitt ähnlicher Genreproduktionen. „Society“ wurde 1990 indiziert und erhielt erst im Juli 2013 die FSK-16-Freigabe. Er liegt jetzt ungeschnitten vor. 

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Duschszene Schwester // Orgie der Society // Arschgesicht // Mutter und Tochter zu einem Körper verschmolzen // Gesichter verschmelzen mit menschlicher Nahrung

Bewertung: (7,5/10)

Sonntag, 3. November 2013

Der skandinavische Horrorfilm. Kultur- und ästhetikgeschichtliche Perspektiven


Niels Penke (Hg.): Der skandinavische Horrorfilm. Kultur- und ästhetikgeschichtliche Perspektiven, Bielefeld 2013

Zum ersten Mal wird hier der Versuch unternommen, einen Überblick über die Geschichte des skandinavischen Horrorfilms zu geben. Mit ein Grund dafür könnte der enorme Anstieg der skandinavischen Horrorfilmproduktion seit Mitte/Ende der 1990er-Jahre gewesen sein. Lars von Triers TV-Serie „Geister“ hat hier sicherlich Vorarbeit geleistet. Seit 2003 kam es zu einer gefühlten Explosion der Horrorfilmproduktion. Während in der Frühphase des Films in Skandinavien durchaus eine Reihe von Klassikern des Horrorgenres geschaffen wurden wie Victor Sjöströms „Der Fuhrmann des Todes“ (SW 1921), Benjamin Christensens „Häxan“ (SW 1922) oder Carl Theodor Dreyers „Vampyr“ (DK 1932), die Ausgangspunkt einer Tradition hätten werden können, folgten bis in die 1990er-Jahre hinein nur noch ein wenig mehr als ein Dutzend Filme dieses Genres. Darunter auch Ingmar Bergmans „Die Stunde des Wolfs“ (1968), ein Film, der zweifellos dem Genre des Horrorfilms zuzuordnen ist. Auch Bergmans „Das siebente Siegel“ (1957) mit dem personifizierten Tod und „Die Jungfrauenquelle“ (1959) können im weitesten Sinne dem Horrorgenre zugerechnet werden. Besonders Letzterer diente Wes Craven als Inspirationsquelle für seinen Exploitation-Horrorfilm „The Last House On The Left“ (1972).

In den letzten Jahren wurden wir aus Skandinavien dann mit so unterschiedlichen Filmen wie „Cold Prey“ (2006), „Frostbite“ (2006), „So finster die Nacht“ (2008), „Sauna“ (2008), „Antichrist“ (2009), „Reykjavik Whale Watching Massacre“ (2009), „Dead Snow“ (2009), „Trollhunter“ (2010) und anderen beliefert und unterhalten. Die meisten der bis jetzt erwähnten Filme sind Gegenstand der kultur- und ästhetikgeschichtlichen Untersuchungen in dem Buch. Unter anderem in komparatistischer Perspektive werden die skandinavischen Originale internationalen Horrorfilmen gegenübergestellt. So wird das Spezifische dänischer, norwegischer, schwedischer, finnischer und isländischer Filme (z.B. bezüglich der Rolle der Natur, Mythologie, nationaler und kultureller Besonderheiten etc.) herausgearbeitet. Marcus Stiglegger („Der ewige Schlaf. Über Vampyr von Carl Theodor Dreyer“) vergleicht in seinem Beitrag den Film „Vampyr“ unter filmästhetischen und inhaltlichen Gesichtspunkten mit internationalen Werken aus dem Horrorgenre, unter anderem mit Lucio Fulcis „Geisterstadt der Zombies“ (1980) oder den Werken Jean Rollins. Sehr gut gefallen hat mir auch der Aufsatz von Judith Wassiltschenko mit dem Titel „Globaler Kulturaustausch im Horrorgenre am Beispiel von 'Fritt Vilt' (Cold Prey, FS) und 'Reykjavik Whale Watching Massacre'.“ Weitere Beiträge beschäftigen sich u. a. mit der Figur des Todes in „Der Fuhrmann des Todes“, mit Ingmar Bergmans „Die Stunde des Wolfs“, Lars von Triers „Geister“ und „Antichrist“, der (De-)Konstruktion von Rollenbildern in schwedischen Vampirfilmen, mit dem Verhältnis von Räumlichkeit und Männlichkeitskonzepten im Film „Sauna“ und der Wiederkehr des Vergangenen in der Splatterkomödie „Dead Snow“. Petra Schrackmann wirft einen Blick auf das Phänomen der US-Remakes skandinavischer Horror- und Mysteryfilme. Das Buch als Ganzes gibt allgemein einen sehr guten Überblick über die Geschichte des skandinavischen Horrorfilms und ist somit für den interessierten deutschsprachigen Leser von einzigartigem Wert.

„Der skandinavische Horrorfilm“ ist leider sehr schlecht lektoriert worden. Es ist eben keine gute Idee, dem Herausgeber, selbst wenn er auch Germanistik studiert hat, gleichzeitig das verantwortungsvolle Handwerk eines Lektors zu übertragen. Das mag dem Verlag Geld sparen, ist der Sache aber nicht dienlich. Fehler springen einen gefühlt auf jeder zweiten Seite an, und der Lektor bzw. einige Autoren standen definitiv auf dem Kriegsfuß mit der Kommasetzung. Hoffentlich sind die Fakten, Jahreszahlen und Namensschreibweisen in dem Buch besser kontrolliert worden! Im Beitrag von Anna-Marie Mamar („Die Figur des Todes in Victor Sjöströms Körkarlen“) ist vergessen worden (?), die schwedischen Zitate ins Deutsche zu übersetzen, was besonders schade ist, da die Autorin ihre Argumentation oft mit besonders passenden Zitaten zu untermauern scheint. Selbst im akademischen Milieu wird es nicht gern gesehen, wenn „exotische“ Sprachen nicht übersetzt werden (zumindest im Anmerkungsapparat sollte das geschehen), weil es u. a. die Interdisziplinarität nicht fördert, aber in einem Buch, das sich auch an allgemein am Horrorfilm interessierte Leser wendet (das tut es doch?), ist das ein Ärgernis. Den Lese- und Verstehensprozess ebenfalls nicht erleichtert hat die Tatsache, dass nahezu sämtliche Autoren in ihren Aufsätzen durchgehend die skandinavischen Originaltitel verwenden, während die deutschen Titel sich entweder im Anmerkungsapparat verstecken oder nur einmal im Text erwähnt werden. Nach unterbrochener Lektüre oder wenn man vor- und zurückblättert, wird man hier immer mal wieder zum „Suchen“ gezwungen. Und unabhängig davon, wie man zur „Emanzipation“ steht, in einem Aufsatz folgende Sätze zu lesen, die nur vom Inhalt ablenken, ist der wahre Horror, zumindest für einen im Leseverhalten offensichtlich noch nicht zeitgemäß konditionierten und sozialisierten männlichen Rezensenten: „Doch da diese Filme auch von Nicht-NorwegerInnen bzw. Nicht-SkandinavierInnen gesehen werden, dürften auch kommerzielle Erwägungen auf der ProduzentInnen-Seite bestehen, ...“ (S. 197). Irgendwie konsequent ist es, wenn den AutorInnen skandinavischer Texte in der deutschen Übersetzung die gleiche „Innen“-Schreibweise aufgenötigt wird. Albern wird es, wenn man (Neben-)Sätze liest wie „... einE anonymeR RezensentIn nennt“ (S. 206, Großbuchstaben im Original!, FS). Trotz des nicht ganz leserfreundlichen Lektorats bleibt das Buch für mich dennoch eine klare Empfehlung.

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Extinction - The G.M.O. Chronicles



Extinction – The G.M.O. Chronicles (Deutschland 2011, Regie: Niki Drozdowski)

Kritik: Ein Jahr vor der Atomkatastrophe in Fukushima explodieren in diesem Zombiefilm in Europa die Atomkraftwerke und nötigen den Protagonisten den Plan auf, über Gibraltar nach Afrika zu fliehen, um der Strahlenkrankheit zu entkommen. Und zwei Jahre vor dem NSA-Skandal telefoniert ein in Deutschland tätiger NSA-Agent regelmäßig mit seinen Vorgesetzten. Er weiß mehr über die Ursachen der Zombie-Apokalypse, doch nicht einmal seiner Tochter hat er davon erzählt. Man kann Niki Drozdowski, dem Produzenten, Regisseur und Autor von „Extinction – The G.M.O. Chronicles“ in diesen beiden Punkten ein nahezu prophetisches Gespür in der Themensetzung bescheinigen. Ein außer Kontrolle geratenes Virus eines Biotechunternehmens ist die Ursache dafür, dass sich die meisten Menschen in Zombies verwandeln (na hoffentlich hat Drozdowski hier nicht noch eine weitere Vorahnung verarbeitet).

„Extinction“ erzählt die Geschichte einer Handvoll Überlebender, die offensichtlich immun sind. Sie besorgen sich Nahrung und Waffen und verstecken sich in einem riesigen umzäunten Areal, einem ehemaligen amerikanischen Militärgelände. Hier wähnen sie sich zunächst in Sicherheit vor den schnellen und langsamen Zombies, die nur tagsüber aktiv sind und nachts in eine Art Starre verfallen. Doch einige Zombies entwickeln sich ständig weiter. Irgendwann werden sie auch nachts zur Bedrohung, und selbst hohe Zäune stellen für sie kein Hindernis mehr dar. Die Gruppe muss ihr sicher geglaubtes Versteck verlassen.

„Extinction“ ist ein deutscher Zombiefilm, der in und um Köln gedreht wurde. Jeder Versuch, in Deutschland dem Genrekino zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen, ist grundsätzlich lobenswert. Und es gelingt dem Film sehr gut, eine bedrohliche, apokalyptische Atmosphäre zu schaffen. Die Bilder von Zombies, die durch erkennbar deutsche Straßen und Vororte laufen, sind gelungen, prägen sich ein und gehen einem nahe, weil einem alles so bekannt vorkommt. Das Bild des Atomkraftwerks, aus dem Rauch aufsteigt, hinterlässt ebenfalls bleibenden Eindruck genauso wie der Panoramablick auf das endzeitliche Köln.

Die entsättigten Farben und die teils monochrome Farbgebung unterstützen den düsteren Eindruck der Szenerie. Die Stärke des Films liegt besonders im visuellen Bereich. Daher ist es wirklich, wirklich schade, dass „Extinction“ in anderen Bereichen so stark abfällt. Die Figuren bleiben erschreckend eindimensional und klischeehaft (der Scharfschütze aus dem Kosovo, der Bundeswehrsoldat, der nicht zielen kann, die Tochter des Agenten, der Kriminelle, der Eifersüchtige, der durchgeknallte Priester etc.), die Dialoge sind mittelmäßig bis schwach und die Nachsynchronisation hört sich grausam an - was die Aufmerksamkeit noch mal besonders auf das gesprochene Wort lenkt. Der Film wurde in Englisch gedreht und offensichtlich im Studio deutsch nachsynchronisiert. Das ist übel, gerade vor dem Hintergrund, dass man den Mut hatte, einen deutschen Zombiefilm in deutschen Städten mit deutschen Schauspielern zu drehen.

„Extinction“ hat im Mittelteil einige Längen und bei manchen Actionszenen fehlte es offensichtlich an Genauigkeit. Wenn zum Beispiel deutlich hörbar nur ein Schuss fällt, aber zwei Zombies gleichzeitig ungeschickt hinfallen, dann mutet das doch sehr merkwürdig an. Und wie leicht die Zombies mit Eisenketten gesicherte Tore eintreten (was ist da eigentlich mit den Ketten geschehen?), gibt auch zu denken. Dass erwachsene Menschen wie Cowboy spielende Kinder meinen, einen „Anführer“ wählen zu müssen, stößt auf und reißt einen irgendwie aus der Geschichte. Der Höhepunkt ist der Kriminelle, der 16 Tage in einer Zelle gesessen hat und sich ausschließlich von Toilettenwasser und Klopapier ernährt haben will. Sein Verhalten spiegelt in keinster Weise wider, was er durchgemacht haben muss. Er benimmt sich völlig ruhig, so als ob man ihn nur mal ein, zwei Stunden zu lange beim Arzt hat warten lassen. Der Film hinterlässt insgesamt einen zwiespältigen Eindruck. Der Satz „Da wäre mehr möglich gewesen!“ drängt sich unweigerlich auf. Einerseits visuell starke, realistisch wirkende Szenen einer Apokalypse in Deutschland, andererseits allenfalls nur durchschnittlich agierende Darsteller, schwache Dialoge, schlechtes Drehbuch sowie handwerkliche Fragezeichen. Das größte Fragezeichen bleibt aber ein Zitat aus der „Kölnischen Rundschau“, mit dem auf dem Cover geworben wird: „Szenarien wie bei ,Herr der Ringe‘.“ Na wenn das mal keine falschen Erwartungen weckt. Obwohl, Pfeil und Bogen, Wald, eine Burg und „Gefährten“ bieten beide Filme. Na dann...

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: kreischende Zombiefrau ohne Augen // rauchendes Atomkraftwerk // Zombies klettern eine Burg hinauf und werfen Schatten an die Wand // das Panorama des endzeitlichen Köln

Bewertung: (5,5/10)

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Dark Beach - Insel des Grauens




Dark Beach - Insel des Grauens (OT: Uninhabited, Australien 2010, Regie: Bill Bennett)

Kritik: Harry (Henry James) und Beth (Geraldine Hakewill) lassen sich mit einem Boot auf eine abgelegene Insel im Great Barrier Reef bringen. Dort wollen sie in aller Abgeschiedenheit einen zehntägigen Liebesurlaub verbringen. Zur Sicherheit haben sie zwar ein Satellitentelefon dabei, doch wenn sie nichts von sich hören lassen, kommt das Boot erst wieder nach eben diesen zehn Tagen vorbei, um sie abzuholen. Für den gemeinen Westeuropäer ist das kein idyllischer Ort und keine ideale Voraussetzung für einen entspannten Campingurlaub, trotz Sonne, Strand und Meer. Doch der Meeresbiologin macht es nichts aus, zwischen kleinen Haien, Seeschlangen, Stachelrochen und giftigen Steinfischen herumzuplantschen, und auch ihr Freund sagt überzeugt: „Ich habe vor gar nichts Angst!“ Diese Worte sollte man in einem Horrorfilm niemals aussprechen ebenso wenig wie den Satz: „Ich komme gleich wieder.“

So dauert es auch nicht lange, bis den zwei scheinbar angstbefreiten Protagonisten etwas mulmig wird. Fremde Fußspuren im Sand deuten darauf hin, dass sie nicht alleine sind. Zunächst denken sie an einen Streich irgendwelcher Kids, doch nachdem sie die Insel abgesucht haben, müssen sie feststellen, dass sich dort niemand anderes aufhält. Eines Morgens entdecken sie Aufnahmen auf ihrer Videokamera, die sie nicht gemacht haben. Ein Fremder hat Beth und Harry gefilmt, während sie schliefen. Aufgeschlitzte und auf Spieße drapierte Seegurken und der Fund einer Hütte im Inselwäldchen samt Grabstätte geben ihnen den Rest, Panik zieht auf. Doch es ist zu spät, sie befinden sich bereits im Sog von Ereignissen, die sie nicht mehr kontrollieren können.

Der stilsicheren Regie von Bill Bennett gelingt es wunderbar, vor allem in der ersten Hälfte des Films, eine Atmosphäre der Bedrohung zu schaffen, und das ganz ohne Blutvergießen. Ein 360-Grad-Kameraschwenk, der mich an den aus „Tanz der Teufel 2“ erinnert hat, macht gleich am Anfang klar, wo wir uns befinden: an einem Ort, von dem es kein Entrinnen gibt. Die Abgeschiedenheit des Ortes ist ein klassisches Rezept im Horrorfilm. Dabei ist es egal, ob es sich um eine Hütte im Wald handelt, die von einem Meer von Bäumen umgeben ist, oder um eine einsame Insel mit Bäumen, die von Meer umgeben ist, wie in „Dark Beach“.

Das zweite klassische Problem, das jeder Horrorfilmregisseur heute zu lösen hat, ist das der (nicht möglichen) Kommunikation. Im Backwood-Horror ist es gerne das oft bemühte Funkloch, in „Dark Beach“ verschwindet, Überraschung, das Satellitentelefon auf spukhafte Weise...

Über eineinhalb Minuten dauert der erwähnte 360-Grad-Kameraschwenk, der im Grunde nichts anderes zeigt als Weite, Meer, Sand und Bäume. Und doch strahlt diese Plansequenz eine Bedrohlichkeit aus, die in bester australischer Manier an ähnlich düster-stimmungsvolle Natur-Aufnahmen aus „Picknick am Valentinstag“ (1975) und „Long Weekend“ (1978, Remake: 2008) erinnert. Was die Inszenierung betrifft, hat „Dark Beach“ in der Tat große Ähnlichkeit mit diesen Filmen. Es ist ein leiser, feiner Gruselfilm, der mit Geräuschen, guter Kameraarbeit und einer unheimlich dichten Atmosphäre subtilen Schauer erzeugt. Die Schauspielerleistungen sind eher durchschnittlich, und das Drehbuch hätte seinen zwei Hauptdarstellern an manchen Stellen besser etwas weniger einfältiges Verhalten vorschreiben sollen. Im letzten Teil von „Dark Beach“, als sich zunehmend klärt, wer oder was hinter dem Spuk steckt, fällt der Film meiner Meinung nach zwar etwas ab, aber den insgesamt guten Gesamteindruck kann das nicht trüben. Und das Ende von „Dark Beach“, an dem eines der oben genannten unsympathischen Viecher eine Hauptrolle spielt, ist zusammen mit den letzten Einstellungen wiederum sehr gelungen.

Negative Bewertungen des Films hängen vor allem mit einer falschen Erwartungshaltung zusammen. Es ist ein ruhiger Gruselfilm, der von der Atmosphäre lebt und von der Identifikation mit den Hauptdarstellern, in deren zunehmend ausweglose Situation man sich gut hineinversetzen kann. „Dark Beach“ nimmt nur in wenigen Momenten etwas an Fahrt auf, zum Beispiel als Fischer, die illegal Haie schießen, auf die Insel kommen und Harry und Beth zusätzlich das Leben schwer machen. Mir hat der Film gut gefallen, doch wem „Picknick am Valentinstag“ und „Long Weekend“ zu unspektakulär waren, der sollte auch von „Dark Beach“ besser Abstand nehmen.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: 360-Grad-Kameraschwenk // aufgeschlitzte Seegurken

Bewertung: (7/10)