Dienstag, 4. März 2014

Die Teufelswolke von Monteville


Die Teufelswolke von Monteville (OT: The Trollenberg Terror, AT: The Crawling Eye, GB 1958, SW, Regie: Quentin Lawrence )

Kritik: Der weiße Nebel nähert sich vom Meer kommend unaufhaltsam der kalifornischen Küstenstadt Antonio Bay, und er führt grauenhafte Passagiere mit sich: halbverweste Leichen, die sich an den Einwohnern der Stadt für in der Vergangenheit begangenes Unrecht rächen wollen. Das ist die Situation in John Carpenters Horrorfilmklassiker „The Fog – Nebel des Grauens“ (1980). Ähnlich ist die bedrohliche Ausgangslage im Science-Fiction-Film „Die Teufelswolke von Monteville“ aus dem Jahr 1958. Hier ist es eine radioaktive Wolke, die am Berg Monteville in der Nähe des Alpenortes Trollenberg festhängt. Auch sie führt Passagiere mit sich, außerirdische Monster, die die Erde erobern wollen. Die Ähnlichkeit zwischen beiden Filmen ist nicht zufällig. John Carpenter hat „Die Teufelswolke von Monteville“ mehrmals gesehen, der Film von Quentin Lawrence war in seiner Jugend einer seiner Lieblingsfilme. Und Carpenter gibt im Audiokommentar zum Film offen zu, dass er bei „The Fog“ von dem älteren Film inspiriert worden ist.

Der Science-Fiction-Film als Seismograf für kollektive Ängste erlebte in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen regelrechten Boom. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Erfahrung des Atombombenabwurfs auf japanische Städte dominierten im Kontext von Korea-Krieg und Kaltem Krieg in den westlichen Ländern vor allem zwei Ängste: die vor der Bedrohung durch Radioaktivität (Atombombe) und die vor einer kommunistischen Invasion. Der Science-Fiction-Film mit seinen Themenbereichen Monster, Mutationen und Invasionen bot den Zuschauern die Gelegenheit, Ängste und Situationen, die den realpolitischen sehr ähnlich waren, im Kinosaal oder im Autokino lustvoll zu erleben und zu überleben. Diese kathartische Wirkung ist sicher mit ein Grund dafür, dass die Filme in der damaligen Zeit auf so große Resonanz stießen, obwohl sie in der großen Mehrheit eher schlecht und billig gemacht waren. Monster wurden durch Atombombenexplosionen erweckt („Panik in New York“, 1953) oder waren Ergebnis von Mutationen, die durch den Einfluss radioaktiver Strahlen entstanden sind („Formicula“, 1954). Außerirdische hatten nichts anderes im Sinn, als die Menschheit zu vernichten („Kampf der Welten“, 1953) oder die Körper der Menschen zu übernehmen („Die Dämonischen“, 1956). Nicht selten wurden bei den Filmen die Genres Science-Fiction und Horror vermischt. Auch die „Teufelswolke von Monteville“ ist eine dieser Low-Budget-Produktionen, die damals wie Atompilze aus dem Boden schossen. Der Film ist dem Science-Fiction-Genre zuzurechnen, enthält aber auch Topoi des typischen Horrorfilms (abgerissene Köpfe, lebende Tote).

Der Film beginnt mit einer Szene in den Schweizer Alpen. Einer von drei Bergsteigern trifft auf etwas Unheimliches, man sieht ihn nicht, sondern hört nur seine Stimme. Dann stürzt der mit einem Seil gesicherte Bergsteiger ab und wird von seinen zwei Begleitern wieder nach oben gezogen. Die müssen entsetzt feststellen, dass ihrem Mitkletterer der Kopf fehlt. Da dies offensichtlich nicht der erste Zwischenfall dieser Art war, begibt sich der amerikanische Wissenschaftler Alan Brooks, der für die UNO arbeitet, nach Trollenberg, um der Sache auf den Grund zu gehen. Im Zug trifft er auf zwei Frauen, die als Varietékünstlerinnen durchs Land ziehen. Eine von beiden ist hellseherisch begabt und besteht darauf, außerplanmäßig in Trollenberg auszusteigen. Sie fühlt sich auf eine verstörende Art vom Berg angezogen. Im weiteren Verlauf der Ereignisse wird den Protagonisten schnell klar, dass alles Übel von der Wolke ausgeht. Noch dazu versuchen einige Opfer der „Wolke“, lebende, ferngesteuerte Tote, die Hellseherin zu töten. Dann fängt die Wolke an sich zu bewegen. Sie wandert auf den Ort Trollenberg zu. In der Wolke befinden sich glubschäugige Monster mit Tentakeln, die es auf die Menschen abgesehen haben...

Man sieht dem Film sein niedriges Budget an. Wackelnde Bergkulissen, das immer gleiche Matte-Painting vom Berg Monteville, das in nahezu jeder Szene den Hintergrund bildet, und ein äußerst übersichtliches Setting lassen die beschränkten finanziellen Möglichkeiten der Produzenten erahnen. Und dass der Film aus einer Mini-Serie für das britische Fernsehen hervorgegangen ist, kann er leider auch nicht verhehlen. Es oblag der Drehbuch-Legende Jimmy Sangster, der durch seine zahlreichen Arbeiten für die Hammer-Studios bekannt geworden ist, den Serienstoff zu einem Kinofilm umzuarbeiten. Was ihm aber nur zum Teil wirklich gelang. Der Film zeichnet sich durch eher unterentwickelte Figuren und nicht ausgereizte Charaktere aus (Reporter, Hellseherin). Vieles, wie der Vorfall in den Anden, bleibt nur nebulöse Andeutung, und Handlungsweise und Motivation einiger Figuren sind rätselhaft bis unlogisch. Eines kann man dem Film aber nicht absprechen: den für billig und schnell produzierte Science-Fiction-Filme der 50er-Jahre typischen Charme. „Die Teufelswolke von Monteville“ unterhält auf wunderbare Weise, auch heute noch. Produktionsteam und Schauspieler gaben sich die größte Mühe, einen Invasionsfilm zu drehen, der ernstgenommen werden will. Meine persönlichen Highlights des Films sind die Szenen gegen Ende, als die Monster ihren Auftritt haben. Hier sehen wir Bilder, die wahrhaft im Gedächtnis bleiben.

Bewertung: (5,5/10)

Samstag, 1. März 2014

Gravity


Gravity (OT: Gravity, USA/GB 2013, Regie: Alfonso Cuarón)

Kritik: Astronauten einer Space-Shuttle-Mission führen Außenarbeiten am Hubble-Weltraumteleskop durch. Unter den Astronauten sind Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock), für die es der erste Flug ist, und Matt Kowalski (George Clooney), für den es der letzte Einsatz ist. Dann kommt ein Funkspruch von der Bodenstation, in dem vor herumfliegenden Teilen eines zerstörten russischen Satelliten gewarnt wird. Die Astronauten brechen ihre Mission sofort ab, aber es ist zu spät. Trümmer des Satelliten schlagen am Ort des Geschehens ein und töten drei der fünf Astronauten. Nur Stone und Kowalski überleben. Sie treiben im Ozean des Nichts dahin, menschliches Treibgut, unbedeutend und klein. „Open Water“ im Weltenraum. Weiße Punkte vor schwarzem Hintergrund. Die Unendlichkeit und den Tod vor Augen. Ihre einzige Überlebenschance besteht darin, eine Raumstation mit Raumkapsel zu finden, die sie zurückbringt zu Mutter Erde. Doch das Unterfangen scheint aussichtslos, denn der Sauerstoff in ihren Raumanzügen wird knapp ebenso wie der Sprit für den Düsenrucksack Kowalskis, der es ihnen ermöglicht, im Weltraum zu navigieren. Wie mit einer Nabelschnur verbunden, versuchen sie ihr Ziel zu erreichen.

„Gravity“ ist (fast) ein Ein-Personen-Stück. Sandra Bullock, die für ihre Leistung zu Recht für den Oscar nominiert worden ist, trägt den Film ganz allein. Sie spielt ihre Rolle mit Inbrunst und Glaubwürdigkeit. Als zum Teil in Unterwäsche um ihr Überleben kämpfende Frau erinnert sie an Sigourney Weaver in „Alien“. Regisseur Alfonso Cuarón gelingt es, aus einer minimalistischen Story einen überwältigenden Hardcore-Science-Fiction-Film mit menschlichem Antlitz und Kultfaktor zu machen, der nie langweilig wird. Bilder voller Erhabenheit von der Erde und dem bedrohlichen, endlosen Weltraum fesseln den Betrachter ebenso wie die Actionsequenzen mit ihren gelungenen visuellen Effekten, in denen die umherfliegenden Teile eines russischen Satelliten den Protagonisten das Leben schwer machen. Und das Ende des Films mit seinen Bildern, Einstellungen und Anspielungen ist einfach grandios. Die Möglichkeiten des Kinos im 21. Jahrhundert, das zeigt Alfonso Cuarón mit seinem Film deutlich, gehen weit darüber hinaus, epochale Schlachtenbilder im Fantasyreich zu kreieren oder Häuserblocks und Städte in Schutt und Asche zu legen. „Gravity“ ist ein zutiefst philosophischer Film, der im Subtext u.a. die Themen Leben und Tod, Anfang und Ende diskutiert. Ähnlich wie „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968) beschäftigt sich „Gravity“ mit der vermeintlich unbedeutenden Rolle des Menschen in einem unendlichen Universum und transportiert seine Botschaft mit eindringlichen, poetischen Bildern. Nahezu jede Einstellung des Films ist auf ihre Art visuell überwältigend und brennt sich dem Gedächtnis ein. Ein absolut empfehlenswerter Film mit Potenzial zum Klassiker.

Bewertung: (9/10)


Dienstag, 25. Februar 2014

Der erste Horrorfilm von Jess Franco und Spaniens erster echter Beitrag zum Horrorgenre



Der schreckliche Dr. Orloff (OT: Gritos en la Noche/L'horrible Dr. Orlof, AT: Schreie durch die Nacht, Spanien/Frankreich 1961, SW, Regie: Jesús Franco)

Kritik: Der wahnsinnige Dr. Orloff ist davon besessen, seiner Tochter, die bei einem Brand im Labor grauenhaft entstellt worden ist, ein neues Gesicht zu verschaffen und ihre ehemalige Schönheit wiederherzustellen. Dazu entführt er mit seinem taubstummen und blinden Diener Morpho junge Prostituierte und Sängerinnen, die er ermordet und als Übungsobjekte für seine Transplantationsversuche hernimmt. Der junge Inspektor Tanner soll das Verschwinden der Mädchen aufklären, Presse und Vorgesetzter erwarten rasche Erfolge. Wanda, die Verlobte des Inspektors, versucht auf eigene Faust, den Fall zu klären. Als „schamloses Mädchen“ verkleidet, begibt sie sich ins Nachtleben. Da sie Dr. Orloffs Tochter sehr ähnlich sieht, dauert es nicht lange, bis sie dem Wahnsinnigen auf- und in die Hände fällt...

Die Handlung erinnert stark an den 1976 produzierten Film JACK THE RIPPER – DER DIRNENMÖRDER VON LONDON mit Klaus Kinski in der Rolle des Dr. Orloff. Regie führte bei dem Film ebenfalls Jesús (Jess) Franco. Und in der Tat wurde für JACK THE RIPPER das Drehbuch von DER SCHRECKLICHE DR. ORLOFF als Vorlage verwendet. Mit eigentlich nur einer Änderung: Das Transplantationsmotiv wurde hier weggelassen, Klaus Kinski spielt einen frauenhassenden Serienkiller. Einfluss auf die Entstehung von DER SCHRECKLICHE DR. ORLOFF hatten sicher zwei Filme, in denen ebenfalls Mad Scientists junge Frauen umbringen, um ihre Töchter zu retten: der 1960 produzierte französische Film AUGEN OHNE GESICHT von Georges Franju (OT: LES YEUX SANS VISAGE, AT: DAS SCHRECKENSHAUS DES DR. RASANOFF) mit einer ganz ähnlichen Thematik und DIE MÜHLE DER VERSTEINERTEN FRAUEN von Giorgio Ferroni (mit Pierre Brice in einer Hauptrolle) aus demselben Jahr. Jess Franco hat in seinem Film aber nicht einfach abgekupfert, sondern zeigt hier schon Ansätze eines eigenen Stils. DER SCHRECKLICHE DR. ORLOFF ist spannend erzählt, allerdings mit einigen zu lang geratenen Dialogszenen, die eher an „Derrick“ und die guten alten Edgar-Wallace-Filme erinnern. Einige stimmungsvolle Nacht-Aufnahmen bei Regen und Einstellungen im Schloss erinnern atmosphärisch an die Universal-Klassiker der 30er-Jahre. Und besonders versiert zeigt sich Franco hier bereits im Umgang mit Licht und Schatten.

Die Auswahl der Schauspieler und deren Leistungen sind durchgehend gut, besonders Howard Vernon als Dr. Orloff und Ricardo Valle als sein Diener Morpho sind ein gruseliges Duo. Francos Vorliebe für das Schöne, das Verrucht-Weibliche, wird in vielen Einstellungen des Films schon deutlich. Sowohl bei Nahaufnahmen der hübschen Wanda als auch bei der Inszenierung der Nachtclubszenen. Was die Operationsszenen angeht, hält sich Franco im Vergleich zu Franjus AUGEN OHNE GESICHT dezent zurück. Der Spanier lässt es hier bei Andeutungen. Wer Jess Franco bisher nur als Billig- und Schnellfilmer von Frauengefängnisfilmen und sexuell aufgeladenen, zum Teil surrealistischen Horrorfilmen kennt und ihn deswegen ablehnt (andere verehren ihn dafür), sollte sich sein Frühwerk DER SCHRECKLICHE DR. ORLOFF durchaus mal antun. Man lernt den Spanier so von einer etwas anderen Seite kennen. 

Gleich aus zwei Gründen ist DER SCHRECKLICHE DR. ORLOFF auch filmhistorisch bedeutsam. Es handelt sich um den ersten Horrorfilm von Jess Franco und um den ersten echten spanischen Beitrag zum Horrorgenre. Eine gemäßigte Liberalisierung des Regimes Anfang der 60er-Jahre ermöglichte es Jess Franco, sich diesem in Diktaturen eigenartigerweise stets ungeliebten Genre zu widmen. Offensichtlich mögen Diktatoren das Horrorgenre nicht, da es letztendlich immer auf extreme Weise die postulierte schöne heile Welt negiert. Die Figur des Dr. Orloff erhielt übrigens einige offizielle und inoffizielle Fortsetzungen. Der Film steht somit am Anfang einer hervorragenden spanischen Horrorfilmtradition, die sich über „reitende Leichen“ hinweg bis in die Gegenwart hinein immer auch dadurch auszeichnete, besonders atmosphärische Bilder und Stimmungen zu kreieren.

DER SCHRECKLICHE DR. ORLOFF wurde wohl niemals im deutschsprachigen Raum gezeigt, und so existiert auch keine deutsche Tonspur. Bei der vorliegenden Fassung handelt es sich um die internationale englischsprachige Langfassung, einige wenige Szenen sind auf Spanisch. Der gesamte Film ist deutsch untertitelt.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Morphos Gesicht // entstellte Tochter // Bootsfahrt mit Sarg

Bewertung: (6,5/10)

Montag, 4. November 2013

Society



Society (OT: Society, AT: Dark Society, USA: 1989, Regie: Brian Yuzna)

Kritik: Der junge Bill Whitney gehört der High Society von Beverly Hills an, hat reiche Eltern und eine hübsche Schwester. An der Highschool ist er äußerst beliebt, er steht kurz vor der Wahl zum Schulpräsidenten, und er hat eine hübsche Cheerleader-Freundin. Doch er besucht auch regelmäßig einen Psychiater, weil er unter Ängsten leidet und zunehmend Wahnvorstellungen entwickelt. Er beobachtet seine Schwester beim Duschen und glaubt, durch die durchsichtige Duschkabine zu sehen, dass ihr Körper total verdreht ist, der Po befindet sich vorne. Und tatsächlich scheinen sich auch Familie und Freunde langsam zu verändern. Als ihm ein Mitschüler ein merkwürdiges Tonband vorspielt, seine Eltern und seine Schwester unterhalten sich darauf über Inzest und Gruppensex, und dieser Schüler kurz danach stirbt, ahnt Bill, dass etwas Unheimliches in seiner Umgebung vorgeht. Er stellt mit seinem Freund Milo Nachforschungen an und kommt einer geheimen Gesellschaft auf die Schliche. Auf wilden Partys der High Society werden Menschen verspeist und es werden inzestuöse „Paarungen“ vollzogen. Eine solche Party findet ausgerechnet in Bills Elternhaus statt. Dort erfährt er, dass seine Eltern nicht seine richtigen Eltern sind, sondern dass er adoptiert und aufgezogen wurde mit dem Zweck, der elitären Gesellschaft eines Tages als Nahrung zu dienen. Dieser Tag ist nun gekommen. Als sich ein Mitgleid der Gesellschaft über Bill hermacht, grölt die Masse nur: „Saug ihn aus!“

Der Film „Society“ aus dem Jahr 1989 ist Brian Yuznas erste Regiearbeit und wohl einer seiner politischsten und bedeutendsten Filme. Die bissige Sozialkritik des Films funktioniert zeitlos. Auch und gerade heute liest sich „Society“ als Parabel auf aktuelle Herrschaftsverhältnisse und die zunehmende Aufspaltung der Gesellschaft in Arm und Reich. Yuzna kritisiert Korruption, Elitedenken und einen neuen Rassismus, einen Rassismus der Reichen gegenüber den Armen, die hier im wahrsten Sinne des Wortes „ausgesaugt“ werden. Ein Rassismus, der nur den Reichen u. a. uneingeschränkten Zugang zu Bildung, Gesundheit und gesellschaftlichen Ressourcen ermöglicht. In diesem Sinne haben die Mitglieder der High Society an die Unterschichten nur eine konservative, rassistische Botschaft, die im Film durch den Psychiater vermittelt wird, der Bill warnt: „Menschen sind nun mal das, was sie sind, und du musst lernen, die gesellschaftlichen Regeln, die wir haben, zu akzeptieren... Wenn du diese Regeln nicht akzeptierst, wird etwas ganz Schreckliches passieren... Es gibt Menschen, die Regeln aufstellen, und es gibt Menschen, die sie befolgen müssen... Es hängt nur davon ab, als was du geboren wirst.“ Noch konkreter wird der Psychiater auf der Party im Haus von Bills „Eltern“: „Bill, du gehörst zu einer anderen Rasse als wir, einer anderen Spezies, einer ganz anderen Klasse. Man wird hineingeboren in diese Gesellschaft.“ Hier erinnert der Film stark an John Carpenters Meisterwerk „Sie leben!“ Bills Kontrahent Ted, der ebenfalls der Gesellschaft angehört, bringt es ganz undiplomatisch noch direkter auf den Punkt: „Die Reichen haben arme Schlucker wie dich immer schon geschluckt.“

In John Carpenters Film sind es ja tatsächlich Außerirdische, während es sich in „Society“ wohl um eine alte Rasse handelt, die sich parallel zur menschlichen entwickelt hat. Der Film geht nicht genauer auf dieses Thema ein. Die Gefühlskälte der Mitglieder der geheimen Gesellschaft wird im Film auch symbolisiert durch das Verhalten von Bills Familie. Als Bill ihnen mitteilt, dass ein Mitschüler gestorben ist, reagieren sie kalt und uninteressiert. Seine Schwester will nur wissen, was er anzieht. „Auf der Beerdigung?“, fragt Bill. „Nein, auf der Party heute Abend.“

Der Film kommt in der ersten Hälfte noch etwas daher wie eine Teenagerkomödie, wenn auch hier schon mit klaren Anspielungen. Doch dann nimmt er schnell an Fahrt auf. Berühmt und berüchtigt ist der Film „Society“, der in Deutschland auch mal unter dem Titel „Dark Society“ veröffentlicht wurde, für seine Schlussszenen, die letzten circa 15 Minuten. Die Mitglieder der High Society mit ihren schleimigen, völlig deformierten Körpern, sinnbildlich wohl für die deformierte Psyche der anderen Rasse, feiern eine orgiastische, inzestuöse Orgie, bei der auch ein Mensch „ausgesaugt“ wird. Hier zeigt Yuzna „glitschige“, eklige Bilder, die man so noch nicht gesehen hat und sich nur mit gesundem Magen anschauen sollte. Musikalisch begleitet wird das Ganze von Johann Strauss' „An der schönen blauen Donau“. Hände suchen sich über den Anus den Weg durch den Körper und kommen aus dem Mund heraus, Körper verschmelzen miteinander, und manche Mitglieder der High Society verwandeln sich in echte „Arschgesichter“. Der Spezialeffekte-Künstler Joji „Screaming Mad George“ Tani hat hier ganze Arbeit geleistet (siehe Foto). Die Botschaft am Ende des Films ist eindeutig. Hier muss einiges „umgestülpt“ werden. Das letzte Wort haben aber wieder die Mitglieder der geheimen Gesellschaft, die ankündigen, ihre Aktivitäten nun nach Washington zu verlegen...

„Society“ sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Mit seiner zeitlosen Gesellschaftskritik und den fulminanten, einmaligen Bildern gegen Ende des Films erhebt er sich weit über den Durchschnitt ähnlicher Genreproduktionen. „Society“ wurde 1990 indiziert und erhielt erst im Juli 2013 die FSK-16-Freigabe. Er liegt jetzt ungeschnitten vor. 

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Duschszene Schwester // Orgie der Society // Arschgesicht // Mutter und Tochter zu einem Körper verschmolzen // Gesichter verschmelzen mit menschlicher Nahrung

Bewertung: (7,5/10)

Sonntag, 3. November 2013

Der skandinavische Horrorfilm. Kultur- und ästhetikgeschichtliche Perspektiven


Niels Penke (Hg.): Der skandinavische Horrorfilm. Kultur- und ästhetikgeschichtliche Perspektiven, Bielefeld 2013

Zum ersten Mal wird hier der Versuch unternommen, einen Überblick über die Geschichte des skandinavischen Horrorfilms zu geben. Mit ein Grund dafür könnte der enorme Anstieg der skandinavischen Horrorfilmproduktion seit Mitte/Ende der 1990er-Jahre gewesen sein. Lars von Triers TV-Serie „Geister“ hat hier sicherlich Vorarbeit geleistet. Seit 2003 kam es zu einer gefühlten Explosion der Horrorfilmproduktion. Während in der Frühphase des Films in Skandinavien durchaus eine Reihe von Klassikern des Horrorgenres geschaffen wurden wie Victor Sjöströms „Der Fuhrmann des Todes“ (SW 1921), Benjamin Christensens „Häxan“ (SW 1922) oder Carl Theodor Dreyers „Vampyr“ (DK 1932), die Ausgangspunkt einer Tradition hätten werden können, folgten bis in die 1990er-Jahre hinein nur noch ein wenig mehr als ein Dutzend Filme dieses Genres. Darunter auch Ingmar Bergmans „Die Stunde des Wolfs“ (1968), ein Film, der zweifellos dem Genre des Horrorfilms zuzuordnen ist. Auch Bergmans „Das siebente Siegel“ (1957) mit dem personifizierten Tod und „Die Jungfrauenquelle“ (1959) können im weitesten Sinne dem Horrorgenre zugerechnet werden. Besonders Letzterer diente Wes Craven als Inspirationsquelle für seinen Exploitation-Horrorfilm „The Last House On The Left“ (1972).

In den letzten Jahren wurden wir aus Skandinavien dann mit so unterschiedlichen Filmen wie „Cold Prey“ (2006), „Frostbite“ (2006), „So finster die Nacht“ (2008), „Sauna“ (2008), „Antichrist“ (2009), „Reykjavik Whale Watching Massacre“ (2009), „Dead Snow“ (2009), „Trollhunter“ (2010) und anderen beliefert und unterhalten. Die meisten der bis jetzt erwähnten Filme sind Gegenstand der kultur- und ästhetikgeschichtlichen Untersuchungen in dem Buch. Unter anderem in komparatistischer Perspektive werden die skandinavischen Originale internationalen Horrorfilmen gegenübergestellt. So wird das Spezifische dänischer, norwegischer, schwedischer, finnischer und isländischer Filme (z.B. bezüglich der Rolle der Natur, Mythologie, nationaler und kultureller Besonderheiten etc.) herausgearbeitet. Marcus Stiglegger („Der ewige Schlaf. Über Vampyr von Carl Theodor Dreyer“) vergleicht in seinem Beitrag den Film „Vampyr“ unter filmästhetischen und inhaltlichen Gesichtspunkten mit internationalen Werken aus dem Horrorgenre, unter anderem mit Lucio Fulcis „Geisterstadt der Zombies“ (1980) oder den Werken Jean Rollins. Sehr gut gefallen hat mir auch der Aufsatz von Judith Wassiltschenko mit dem Titel „Globaler Kulturaustausch im Horrorgenre am Beispiel von 'Fritt Vilt' (Cold Prey, FS) und 'Reykjavik Whale Watching Massacre'.“ Weitere Beiträge beschäftigen sich u. a. mit der Figur des Todes in „Der Fuhrmann des Todes“, mit Ingmar Bergmans „Die Stunde des Wolfs“, Lars von Triers „Geister“ und „Antichrist“, der (De-)Konstruktion von Rollenbildern in schwedischen Vampirfilmen, mit dem Verhältnis von Räumlichkeit und Männlichkeitskonzepten im Film „Sauna“ und der Wiederkehr des Vergangenen in der Splatterkomödie „Dead Snow“. Petra Schrackmann wirft einen Blick auf das Phänomen der US-Remakes skandinavischer Horror- und Mysteryfilme. Das Buch als Ganzes gibt allgemein einen sehr guten Überblick über die Geschichte des skandinavischen Horrorfilms und ist somit für den interessierten deutschsprachigen Leser von einzigartigem Wert.

„Der skandinavische Horrorfilm“ ist leider sehr schlecht lektoriert worden. Es ist eben keine gute Idee, dem Herausgeber, selbst wenn er auch Germanistik studiert hat, gleichzeitig das verantwortungsvolle Handwerk eines Lektors zu übertragen. Das mag dem Verlag Geld sparen, ist der Sache aber nicht dienlich. Fehler springen einen gefühlt auf jeder zweiten Seite an, und der Lektor bzw. einige Autoren standen definitiv auf dem Kriegsfuß mit der Kommasetzung. Hoffentlich sind die Fakten, Jahreszahlen und Namensschreibweisen in dem Buch besser kontrolliert worden! Im Beitrag von Anna-Marie Mamar („Die Figur des Todes in Victor Sjöströms Körkarlen“) ist vergessen worden (?), die schwedischen Zitate ins Deutsche zu übersetzen, was besonders schade ist, da die Autorin ihre Argumentation oft mit besonders passenden Zitaten zu untermauern scheint. Selbst im akademischen Milieu wird es nicht gern gesehen, wenn „exotische“ Sprachen nicht übersetzt werden (zumindest im Anmerkungsapparat sollte das geschehen), weil es u. a. die Interdisziplinarität nicht fördert, aber in einem Buch, das sich auch an allgemein am Horrorfilm interessierte Leser wendet (das tut es doch?), ist das ein Ärgernis. Den Lese- und Verstehensprozess ebenfalls nicht erleichtert hat die Tatsache, dass nahezu sämtliche Autoren in ihren Aufsätzen durchgehend die skandinavischen Originaltitel verwenden, während die deutschen Titel sich entweder im Anmerkungsapparat verstecken oder nur einmal im Text erwähnt werden. Nach unterbrochener Lektüre oder wenn man vor- und zurückblättert, wird man hier immer mal wieder zum „Suchen“ gezwungen. Und unabhängig davon, wie man zur „Emanzipation“ steht, in einem Aufsatz folgende Sätze zu lesen, die nur vom Inhalt ablenken, ist der wahre Horror, zumindest für einen im Leseverhalten offensichtlich noch nicht zeitgemäß konditionierten und sozialisierten männlichen Rezensenten: „Doch da diese Filme auch von Nicht-NorwegerInnen bzw. Nicht-SkandinavierInnen gesehen werden, dürften auch kommerzielle Erwägungen auf der ProduzentInnen-Seite bestehen, ...“ (S. 197). Irgendwie konsequent ist es, wenn den AutorInnen skandinavischer Texte in der deutschen Übersetzung die gleiche „Innen“-Schreibweise aufgenötigt wird. Albern wird es, wenn man (Neben-)Sätze liest wie „... einE anonymeR RezensentIn nennt“ (S. 206, Großbuchstaben im Original!, FS). Trotz des nicht ganz leserfreundlichen Lektorats bleibt das Buch für mich dennoch eine klare Empfehlung.