Mittwoch, 29. Oktober 2014

Die junge Iris Berben als Außerirdische


„Supergirl – Das Mädchen von den Sternen“ (Deutschland 1971, Regie: Rudolf Thome)

Kritik: Da wird der Fan hellhörig: ein deutscher Film, ein später Neuer Deutscher Film, aus dem Jahr 1971 mit Iris Berben als Außerirdische, die die Welt vor einer Invasion von ihrem Heimatplaneten, dem 3. Planeten aus der Galaxie Alpha Centauri, warnen will. Doch ihr Raumschiff, eigentlich auf dem Weg nach Washington, stürzt ab. Über Deutschland, genauer: in der Nähe von München. Und sie ist die scheinbar einzige Überlebende, die nun versucht, irgendwie nach Washington zu kommen. An einer Hauptstraße steigt sie in das Auto eines Münchner Playboys. Sie macht mit der Münchner Literatenszene Bekanntschaft, lernt den Erfolgsautor Paul Evers (Marquard Blom, wunderbar!) kennen und einen amerikanischen Filmproduzenten. Der hat einen Bekannten mit Kontakten zum Weißen Haus in Washington. Diese Connection klingt für unsere Außerirdische vielversprechend. Ihre Hoffnung zerplatzt aber wie eine Seifenblase, denn natürlich glaubt ihr keiner. Und, so viel sei vorweggenommen, es gelingt ihr am Ende natürlich nicht, den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu treffen, und es gelingt ihr nicht einmal, sich aus dem Dunstkreis der Münchner Schickeria zu entfernen. Sie verschwindet so unvermittelt und leise, wie sie erschienen ist. Der Zuschauer bleibt mit einem großen Fragezeichen zurück. Eigentlich ein klassischer phantastischer Film im Sinne der Todorovschen Definition von Phantastik. Was war es nun? Übersinnlich oder doch rational erklärbar?

Regisseur Rudolf Thome soll nach der Fernsehausstrahlung viele böse Anrufe bekommen haben von Zuschauern, die sich von ihm verschaukelt, wahrscheinlich um einen spannenden Außerirdischen-Film betrogen gefühlt haben. Und in der Tat ignoriert Thome von Anfang an auf nahezu provozierende Weise sowohl das phantastische Sujet als auch, ganz im Sinne einer der Prämissen des Neuen Deutschen Films, das Gebot der inszenatorischen und dramaturgischen Perfektion. Sein Film lebt von den Charakteren (allen voran Marquard Blom), Dialogen und Situationen. Narration und Handlung interessieren den Regisseur nur marginal (ebenso wie in seinen Filmen „Detektive“, 1968, und „Rote Sonne“, 1970). Alles wirkt irgendwie improvisiert und fehlerbehaftet. Eine durchdachte Mise-en-scene findet nicht statt, auffallend häufig agieren die Darsteller mit dem Rücken zur Kamera, „Fehler“ bleiben ungeschnitten (Blom stößt beim Verlassen eines Zimmers gegen die Tür, ein Glas auf dem Tisch steht an der falschen Stelle etc.). 

Marquard Blom spielt in seinem weißen Anzug, den er fast den ganzen Film über trägt, sichtlich unsicher, und wenn er sich quasi permanent an Alkohol und Zigaretten festhält, dann schlägt er zwei Fliegen mit einer Klappe: seine offensichtliche Unsicherheit wandelt sich etwas ins Coole, und durch seine Unperfektion und Authentizität entsteht beim Betrachter ein Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Ähnliches trifft für alle Darsteller und die ganze Inszenierung zu. Hier bewahrheitet sich eine Aussage des leider viel zu früh verstorbenen Filmkritikers Michael Althen, der im Rahmen einer Besprechung (eines ganz anderen Films) formulierte: „Das Schöne am Kino ist, dass manchmal schon die Art, wie jemand an seiner Zigarette zieht, genügt, um sich in einen Film zu verlieben. Oder wie einer einen Anzug trägt.“ Wer das nicht glaubt, sollte sich „Supergirl“ allein schon deswegen anschauen, um dazuzulernen. Überhaupt scheint Marquard Blom, wie in vielen seiner Filme, in anderen Sphären zu schweben, ein Bewohner des Planeten Sauf-und-Rauch, den das alles gar nicht wirklich betrifft. Ob die Kamera nun läuft oder nicht, ich rauche und saufe trotzdem. Rudolf Thome selbst sagt, dass Blom während der Dreharbeiten kaum zu disziplinieren war. Es ist das Verdienst von Bloms Schauspielkunst und Ausstrahlung, dass man als Zuschauer diesen großartigen Typen trotzdem nicht aus den Augen lassen mag, ihn ständig beobachtet und – auch nicht müde wird, es zu tun, selbst nach 90 Minuten noch nicht.

Die junge Iris Berben spielt in erster Linie sich selbst. Ein außerirdisch gut aussehendes super Girl. Aber das außerirdische Supergirl nimmt man ihr nicht ab. Vom Regisseur offenbar wenig angeleitet, spielt sie ständig gelangweilt an ihren Haaren herum, nicht so oft wie Blom an der Zigarette, aber dennoch: Eine extraterrestrische Weltenretterin verhält sich anders. Alles wirkt irgendwie unausgegoren und undurchdacht. Die Außerirdische kennt sich in der Kolonialgeschichte der Erde aus, beherrscht die Sprache perfekt, weiß wo Washington und Moskau liegen, aber muss erst Tanzen lernen. Und die Wellen am Meer bringen sie beinahe völlig aus der Fassung vor Begeisterung. Ihre stärkste Szene hat sie am Anfang des Films in einer langen Einstellung: In einen orangefarbenen Overall gekleidet (mit nichts drunter, wie wir erst erfahren und dann sehen dürfen, ja, Iris Berben zieht fast ganz blank in „Supergirl“), erst nur als Punkt am Horizont zu erkennen, geht sie langsam auf die Kamera zu und an ihr vorbei. Ihr staksiger Gang hat dabei in der Tat etwas Fremdartiges.

„Supergirl“ ist kein wirklich gelungener Alien-Film, obwohl er von der Story her das Zeug dazu gehabt hätte und es auch einige phantastische Aspekte gibt: die Nachricht von einer Ufo-Sichtung, die Verfolger und Kontaktpersonen vom fremden Planeten, die sich anscheinend in Luft auflösen können etc. Letztendlich ist „Supergirl“ ein Spätwerk des Neuen Deutschen Films (Rainer Werner Fassbinder hat einen Cameo-Auftritt), das Zeitgeist und Schickeria-Leben im München Anfang der 70er-Jahre widerspiegelt. Eine Zeit, in der, zumindest in gewissen Kreisen, offenbar permanent geraucht und gesoffen wurde. Der Film war übrigens praktisch schon im Verleih und an 200 Kinos vermietet. Doch dann las sich irgendwer doch noch einmal das Drehbuch durch, und es war vorbei mit dem Kinostart. Zu wenig phantastische Aspekte, viel zu normal. Später, als Thome eine Anfrage vom WDR bekam, einen Spielfilm zu drehen, erinnerte sich der Regisseur an das Drehbuch und kurbelte ihn zügig herunter. Das merkt man dem Film an, auch eine zeitweise Uninspiriertheit von Regisseur und Schauspielern (was wäre da alles möglich gewesen!), dennoch kann man sich dem Werk nicht entziehen, ihm eine gewisse Faszination nicht absprechen.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Iris Berben im Overall, Iris Berben nackt, Marquardt Blom im weißen Anzug, Zigaretten, Alkohol, amerikanische Autos

Bewertung: 6/10


Mittwoch, 30. Juli 2014

Optisch beeindruckendes Fantasy-Spektakel im Märchenkostüm


Maleficent – Die dunkle Fee (OT: Maleficent, USA 2014, Regie: Robert Stromberg)

Kritik: „Dornröschen“ aus Sicht der bösen Fee, das ist wohl die am häufigsten verwendete Formulierung, die man im Zusammenhang mit diesem Film lesen kann. Aber „Maleficent“ ist mehr, ist ein eigenständiges Fantasyabenteuer nach Motiven des Märchens „Dornröschen“, das sich inhaltlich am Walt-Disney-Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1959 orientiert.

Zwei Reiche existieren nebeneinander, das Reich der Wälder und Moore mit Feen und Zauberwesen auf der einen Seite, das Königreich der Menschen auf der anderen Seite. Als junges Mädchen lernt die Fee Maleficent den Jungen Stefan aus dem Reich der Menschen kennen und freundet sich mit ihm an. Jahre später hat sich die Situation geändert. Der König des Menschenreiches will das Land der Moore mit seinen Schätzen erobern, es kommt zum Krieg. Der König und seine Armee werden an der Grenze von den Zauberwesen unter Führung Maleficents vernichtend geschlagen. Der König muss sich zurückziehen und verspricht kurz vor seinem Tod demjenigen den Thron, dem es gelingt, Maleficent zu töten. Der ehrgeizige Stefan trifft sich mit Maleficent unter dem Vorwand, sie zu warnen. Er betäubt sie jedoch mit einem Trank und will sie töten. Das schafft er zwar nicht, zu groß sind die Skrupel, doch er schneidet ihr die Feenflügel ab und geht damit zum König, woraufhin er zum neuen König gekrönt wird. Die verbitterte und kaltherzig gewordene Maleficent rächt sich später, indem sie Aurora, das erstgeborene Kind von König Stefan und seiner Gemahlin, verflucht. An ihrem 16. Geburtstag solle die sich an einer Spindel stechen und in einen immerwährenden todesähnlichen Schlaf fallen. Keine Kraft der Welt könne diesen Fluch rückgängig machen, nur der Kuss der wahren Liebe, an deren Existenz Maleficent nach dem Verrat Stefans aber nicht mehr glaubt...

Robert Stromberg verlässt sich in seinem Regiedebüt zuallererst auf seine ursprünglichen Stärken. Als Szenenbildner hat er bereits zwei Oscars gewonnen, einen für „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ (2009) und einen weiteren für „Alice im Wunderland“ (2010). Er punktet auch in „Maleficent“ mit seinen visuellen Angeboten und zieht den Zuschauer mit überwältigenden, einmalig schönen Bildern von Anfang an in seinen Bann: Er zeigt uns Landschaften wie in „Avatar“, Schlachten wie in „Der Herr der Ringe“ und Zaubertricks wie in den „Harry Potter“-Filmen. Doch das ist es nicht allein, was „Maleficent“ zu einem einzigartigen Filmerlebnis macht. Auch die Schauspieler, hier vor allem die weiblichen, sind durchgehend zauberhaft. Schon Ella Purnell in ihrem kurzen Auftritt als junge, unschuldige Maleficent ist ein faszinierender Anblick, ebenso Elle Fanning als „Dornröschen“ Aurora. Über allem steht jedoch die Leistung von Angelina Jolie als erwachsene Maleficent. Ihr Aussehen (Kompliment an die Maske), ihre Ausstrahlungskraft und die absolut glaubhaft gespielte Gefühlspalette, die von Erschrecken über Hass und Kampfgeist bis hin zu Liebe und Güte reicht, tragen den Film über weite Strecken. Jolie ist eigentlich die einzige Figur, die nicht eindimensional angelegt ist, die eine psychologische Entwicklung durchmacht. Und das gibt ihr die Möglichkeit, Facetten ihrer Schauspielkunst zu zeigen. Sie überzeugt sowohl als streng den Zauberstab schwingende, von Rachegefühlen beherrschte Feendomina als auch als ihr „Ziehkind“ Aurora beim Aufwachsen zusehende liebevolle „Mutter“. Besonders gelungen sind die Szenen, in denen ihre Figur innerlich zerrissen scheint zwischen den Extremen Hass und Liebe. Chapeau!

Was man an „Maleficent“ kritisiert hat, ist die moralische Schwarz-Weiß-Malerei, besonders symbolisiert durch das moderne, „feminine“ Ende. Alles Gute ist weiblich oder geht vom Weiblichen aus, alles Böse ist männlich oder geht vom Männlichen aus. Hier gestehe man dem Film jedoch die Trumpfkarte „Märchen“ zu. Klassisches Strukturmerkmal des Volksmärchens war schon immer eine klare Gut-Böse-Abgrenzung und eine gewisse Eindimensionalität der Figuren. Wer in „Maleficent“ eine tiefergehende, männerfeindliche ideologische Botschaft sehen will, schießt vielleicht etwas übers Ziel hinaus. Ja, der Film ist ein moralisches Lehrstück in Blockbusterformat, er hat eine moralische Botschaft. Doch die handelt nicht von Geschlechterrollen, sondern von der wahren Liebe, der Überwindung von negativen Gefühlen wie Hass und Rachegelüsten und davon, dass man sich Flüche und Handlungen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind, vorher sehr gut überlegen sollte...

„Maleficent“ ist ein bildgewaltiges Fantasy-Spektakel im Märchenkostüm mit Klassiker-Potenzial. Es glänzt durch Schauspielerleistungen auf hohem Niveau, tolle Animationen, faszinierendes Produktionsdesign sowie eine spannend erzählte, allerdings gegen Ende nicht ganz unvorhersehbare Story. Optisch spielt „Maleficent“ in einer Liga mit „Avatar“, „Der Herr der Ringe“ und „Harry Potter“ und gehört zum Besten, was das Fantasygenre je hervorgebracht hat.

Bewertung: (7/10)


Sonntag, 27. Juli 2014

Der unheimliche Gast


Der unheimliche Gast (OT: The Uninvited, USA 1944, Regie: Lewis Allen, SW)

Kritik: Für Regie-Ass und Horrorfilm-Produzent Guillermo del Toro (u.a. „The Devil's Backbone“, 2001, „Pans Labyrinth“, 2006) zählt „Der unheimliche Gast“ zu den Filmen, die ihn am stärksten erschreckt haben. Und auch Martin Scorsese führt den Film in seiner Liste der „11 Scariest Horror Movies Of All Time“. Im Film „Poltergeist“ (1982) findet sich mit dem Zitat „Mmh, smell the Mimosa“ eine direkte Anspielung auf den Vorläufer. Diese Fakten allein, die Frank Arnold im beiliegenden Booklet zusammengetragen hat, verweisen schon auf die filmhistorische Bedeutung und den in Kennerkreisen hohen Bekanntheitsgrad des Films.

In „Der unheimliche Gast“ geht es um ein Geschwisterpaar, das ein altes Haus an der englischen Küste erwirbt. Schnell stellt sich heraus, dass es in dem alten Gemäuer spukt. Der geisterhafte Horror, der sich allmählich entspinnt, ist eng mit der Geschichte der Enkelin des Vorbesitzers verbunden, die Kontakt zu den neuen Besitzern des Hauses aufnimmt. Thema, Dramaturgie und Erzählweise von „Der unheimliche Gast“ bilden quasi das Grundmodell, an dem sich alle späteren Haunted-House-Filme (Geisterhausfilm, Spukhausfilm) mehr oder weniger orientierten. Ganz langsam steigert sich die düstere Atmosphäre. Am Anfang ist es ein Hund, der sich weigert, in die oberen Stockwerke des Hauses zu gehen, dann sind es Seiten eines Buches, die sich wie von Geisterhand umblättern, und Türen, die sich von selbst bewegen. Fremdartige Geräusche und Geisterstimmen in der Nacht fehlen nicht, und gruselige Höhepunkte sind die Szenen, in denen sich die Geister aus einem plötzlich aufkommenden Nebel heraus materialisieren und für die Protagonisten und den Zuschauer sichtbar und bedrohlich werden. Diese Sequenzen wurden in Großbritannien übrigens von der Zensur entfernt, weil man glaubte, sie seien für den Zuschauer zu angsteinflößend. In der Tat galt in Großbritannien während des Zweiten Weltkriegs nahezu ein Horrorfilmverbot. Zu nah und real waren die alltäglichen Schrecken des Krieges.

Die hervorragende Schwarz-Weiß-Fotografie des Kameramanns Charles Lang brachte dem Film sogar eine Oscarnominierung in der Kategorie „Beste Kamera in einem Schwarz-Weiß-Film“ ein. Langs gekonnter Umgang mit Licht und Schatten gibt dem Film eine zeitweise besonders düstere Stimmung und dürfte auch der Hauptgrund dafür gewesen sein, dass „Der unheimliche Gast“ in die Reihe „Film Noir“ aufgenommen wurde. Das war nicht unbedingt zu erwarten und vermarkterisch vielleicht auch nicht ganz klug, denn Film Noir definiert sich für viele nicht nur filmästhetisch und stilistisch, sondern auch thematisch. Unter einem Film Noir stellt sich die große Mehrheit eben immer noch einen Film vor, in dem es um die Aufklärung eines Kriminalfalls geht, in dem ein abgehalfterter Privatdetektiv einen Auftrag von einer meist sehr schönen und geheimnisvollen Femme fatale erhält etc. Vorstellbar, dass Fans des phantastischen Films, denen der Titel „Der unheimliche Gast“ bzw. „The Uninvited“ nichts sagt, bei Film Noir einfach weitergehen/weiterklicken und so einen Film verpassen, der ihnen eigentlich zugesagt hätte.

„Der unheimliche Gast“ ist ein atmosphärisch dichter Grusler mit einigen wenigen humoristischen Elementen. Dem heutigen, Splatter- und Torture-Porn-Filme schauenden Gorehound kann der Schwarz-Weiß-Film aus dem Jahr 1944 natürlich keine Schrecken mehr einjagen. Und wer ausschließlich auf Blut und Gedärme steht, der sollte die Finger von diesem Spukhaus-Klassiker lassen. Wer sich jedoch an wohligem Schauer, wenigen und gemäßigten Schreckmomenten und schöner, düsterer Schwarz-Weiß-Fotografie delektieren kann, der sollte zugreifen. Und auch filmbildungstechnisch lohnt dieser Ghost-Trip zu den Anfängen des Subgenres der Haunted-House-Filme. „Der unheimliche Gast“ bildet das Grundmodell des typischen Geisterhausfilms und steht am Beginn einer langen Tradition von Filmen wie „Schloss des Schreckens“ (1961), „Bis das Blut gefriert“ (1963), „Amityville Horror“ (1979), „Shining“ (1980), „Poltergeist“ (1982) etc.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Materialisation der Geister aus dem Nebel

Bewertung: 7/10

Montag, 21. April 2014

Faszinierende Verfilmung von Alfred Kubins phantastischem Roman "Die andere Seite" (1909)


Alle Rechte an Fotos und Grafiken bei © Filmjuwelen/ALIVE



Traumstadt (Deutschland 1973, Regie: Johannes Schaaf)

Kritik: Stellen Sie sich vor, Sie seien ein mehr oder weniger erfolgreicher Künstler in München, Anfang der 70er-Jahre, verheiratet, und während Sie so durch die Stadt schlendern, merken Sie, dass Sie von einem Mann verfolgt werden. Dieser gibt sich irgendwann als Agent eines gewissen Klaus Patera zu erkennen, mit dem Sie zusammen auf die Schule gegangen sind. Dieser Klaus Patera sei, so erzählt der Agent, zu unermesslichem Reichtum gekommen und habe an einem geheimen Ort irgendwo im fernen Asien eine Traumstadt gegründet. Dort herrsche absolute Freiheit, es gebe keinerlei materielle Not und jeder könne sich dort selbst verwirklichen und nach seiner Façon selig werden. Klaus Patera lade Sie und Ihre Frau ein, in seiner Traumstadt zu leben.

Das ist die Ausgangssituation des Films „Traumstadt“ von Johannes Schaaf. Der Film basiert auf dem phantastischen Roman „Die andere Seite“ (1909) von Alfred Kubin. Personen, Handlungsgerüst und einige Motive wurden direkt aus dem Roman übernommen, die Handlung spielt jedoch in der Gegenwart. Nach nur kurzem Zögern, ein Scheck über 100000 DM für die Reise zerstreut die letzten Zweifel, entschließen sich der Künstler Florian Sand (Per Oscarsson) und seine Frau Anna (Rosemarie Fendel), der Einladung zu folgen. Schon die Reise in die Traumstadt ist voller Symbolik. Die erste Etappe wird in einer Lufthansamaschine zurückgelegt, dann folgt ein Flug in einem alten Kleinflugzeug, anschließend werden Wegstrecken mit dem Auto und auf einem Kamel zurückgelegt. Das letzte Stück müssen Florian Sand und seine Anna zu Fuß gehen. Irgendwann treffen sie auf einen kleinwüchsigen Diener Klaus Pateras, der sie zu einer Kutsche führt, Assoziationen an phantastische Vampirgeschichten werden hier geweckt, mit der sie die letzte Wegstrecke zurücklegen.

Die Reise in die Traumstadt erweist sich, was die Verkehrsmittel betrifft, als eine Reise in die Vergangenheit. Dabei bleibt noch offen, ob diese Reise in die Vergangenheit die Protagonisten in ein natürliches, ursprüngliches Paradies führt oder ob es nicht doch eher eine Reise zurück in Anarchie und Chaos ist, eine Reise in Wildheit und Barbarei. In der Traumstadt angekommen, werden die beiden noch einmal darauf hingewiesen, dass dort sämtliche Wünsche ausgelebt werden dürften. Es gebe nur ein Gesetz: der totale Respekt vor der Individualität des anderen. Am Anfang scheint alles gut zu laufen. Das Paar sucht sich eine Wohnung, und die Kleider in den Schränken haben schon die passende Größe. Im Restaurant bringt man ihnen genau das Gericht, das sie gerade bestellen wollten. Alles scheint gut. Dennoch entwickelt sich von Anfang an ein zwiespältiges Gefühl beim Zuschauer. Die Menschenmenge, die die Neuankömmlinge begrüßt, ist merkwürdig melancholisch und apathisch. Wirklich fröhliche, ausgelassene Menschen gibt es dort kaum. Das Leben in der Traumstadt gestaltet sich für Florian Sand und seine Frau zunehmend kafkaesk. Der Versuch, eine Besuchserlaubnis für den Schulfreund Klaus Patera zu bekommen, scheitert an der Verrücktheit des Verwaltungsapparates. Bei einem Theaterbesuch müssen die Neuankömmlinge feststellen, dass es keine Zuschauer, sondern nur Akteure gibt, was zu einer schrecklichen Kakofonie und einem Chaos auf der Bühne führt, weil jeder Darsteller sein eigenes Ding macht. In einer anderen Sequenz mauert ein Mann ein Fenster zu, „weil er Lust dazu hat“.

Die Frage Paradies oder Chaos ist schnell entschieden. Die Bewohner der Traumstadt werden zunehmend zügellos, gewalttätig und gehen ihren Perversionen nach. Es herrschen Revolution und Chaos, und auch die maroden Gebäude der Stadt fallen in sich zusammen. Ein resignierter alter Mann bringt die Aussage des Films auf den Punkt: „Der Mensch ist nicht geschaffen, Freiheit zu ertragen.“ Regisseur Johannes Schaaf zelebriert den Untergang der Traumstadt gegen Ende des Films ausführlich und wird damit weitgehend dem Roman gerecht, der sich nach der ersten Hälfte nur noch mit der Beschreibung des Untergangs des Traumreiches beschäftigt. Explosionen, ein- und umstürzende Gebäude und Bäume dürften einen Großteil des Budgets verschlungen haben. Dass die Dreharbeiten in einer mittelalterlich anmutenden, maroden tschechischen Stadt stattfanden, die anschließend geflutet werden sollte, kam den Aufnahmen zugute. Hier konnten sich die Filmmacher so richtig austoben. Nicht austoben konnten sie sich bei den sonstigen Dreharbeiten, denn die Beamten des damals kommunistischen Staates CSSR machten es dem Regisseur Johannes Schaaf nicht gerade leicht, wie er im Interview, das sich ebenfalls auf der DVD befindet, erzählt. Sie haben anfangs sogar gedacht, dass der Film eine Verhohnepipelung des Kommunismus sei.

Trotzdem ist es irgendwie gelungen, das Projekt noch zu Ende zu bringen. Herausgekommen ist ein beeindruckender Film, der für sich zwar sehr gut funktioniert. Dass die Produzenten den Regisseur damals jedoch dazu nötigten, dreieinhalb Stunden Filmmaterial auf circa zwei Stunden herunterzukürzen, hat dem Film sicher nicht gutgetan. Das Material ist nicht mehr vorhanden, ein Director's Cut also nicht mehr möglich, was Johannes Schaaf heute bedauert. Vieles bleibt daher Andeutung oder zusammenhangloses Stückwerk, das man, ohne den Roman gelesen zu haben, nicht wirklich versteht („Uhrbann“), die Geschichte wird zu schnell erzählt. Der langsame Niedergang der Sitten der Einwohner und der Verfall der Substanz der Gebäude, das langsame Entstehen einer revolutionären Stimmung und einiges anderes können mit den zeitlich begrenzten Möglichkeiten des Mediums Film einfach nicht dargestellt werden. Zahlreiche phantastische Elemente des Romans, der lange als unverfilmbar galt, wurden ebenfalls fast völlig außen vor gelassen. Eine Verfilmung mit den heutigen technischen Möglichkeiten wäre sicher eine reizvolle Aufgabe.

Löst man sich in seiner Bewertung jedoch vom Vergleich mit dem Roman, dann bleibt ein doch recht beeindruckendes Werk deutscher Filmgeschichte. Regisseur Schaaf hat einige wunderbare Bilder geschaffen wie das Pferd, das auf seinem Rücken sterbende Menschen transportiert, die Statue, die sich plötzlich bewegt, und viele andere. Überhaupt korrespondiert die Bildsprache von Johannes Schaaf wunderbar mit der utopiekritischen Aussage des Romans. Alles funktioniert irgendwie rückwärts, symbolisiert Rückschritt. Angefangen von der Anreise am Anfang des Films bis zu den Bewohnern, die am Ende wieder in Zelten hausen und aufeinander losgehen wie Neandertaler. Oder die wunderbar in Szene gesetzte Inversion der symbolischen Bedeutung des Eies, das normalerweise für beginnendes Leben steht. In der Traumstadt werden sterbenskranke Menschen in Eierschalen liegend an einem Baum aufgehängt, wo sie in ihren weißen Särgen den Tod erwarten.  

„Traumstadt“ ist eine gelungene Mixtur aus realistischer Darstellungsweise, zum Teil surrealen Bildern und einer phantastischen Geschichte über einen Gesellschaftsentwurf, der Utopie anstrebt und doch im Chaos endet. Der Film, dessen beeindruckende Bilder vielen, die ihn in den 70er-Jahren sahen, noch im Gedächtnis geblieben sein dürften, ist endlich auf DVD erschienen, noch dazu in einer wunderschönen Edition. Nach über 40 Jahren kann man sich dieses Filmjuwel wieder anschauen! Ein großer Dank dem herausgebenden Label, das damit wieder einmal gezeigt hat, dass es sie sehr wohl gibt, „die andere Seite“ des Deutschen Films, der heutzutage leider durch einseitige Filmförderung von seichten bis albernen Komödien und Zweite-Weltkriegs-Dramen dominiert wird.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Gnom auf der Kutsche // Theateraufführung //  sterbende Menschen in Eierschalen am Baum // Statue // Fenster wird zugemauert // nackte Olimpia

Bewertung: (8/10)


Sonntag, 30. März 2014

Aelita – Der Flug zum Mars


Aelita - Der Flug zum Mars (OT: Aelita, Sowjetunion 1924, Regie: Jakov Protasanov, SW)

Kritik: Der 1924 in der Sowjetunion erschienene Stummfilm „Aelita“ erzählt die Geschichte des Ingenieurs Losj gegen Ende der russischen Bürgerkriegszeit um 1921. Der Film besteht im Grunde aus zwei Handlungssträngen. Im ersten wird der von Elend und Armut bestimmte Moskauer Alltag gezeigt. Losj' Frau Natascha arbeitet am Kursker Bahnhof, der damals gleichzeitig ein Hospital und Durchgangsstation für Flüchtlinge, Deportierte und andere Kriegsopfer war. Wir lernen den korrupten Beamten Erlich kennen und noch einige andere Personen, die zum Teil von den guten alten Zeiten schwärmen. Der zweite Handlungsstrang besteht aus der Mars-Thematik. Gleich zu Beginn des Films erhalten Radiostationen in ganz Europa Signale mit den undechiffrierbaren Worten „Anta Odeli Uta“. Ingenieur Losj befasst sich näher mit den Signalen und vermutet, dass sie vom Mars kommen. Doch die Bedeutung der Worte kann auch er nicht entschlüsseln.

Er flüchtet sich aber von nun an zunehmend in Tagträume, in denen er Visionen vom Leben auf dem Mars hat. Er entwickelt unter anderem Pläne für den Bau einer Rakete. Die beiden Handlungsstränge werden zusammengeführt, als Losj im Eifersuchtswahn seine Frau erschießt. Er flieht an den Stadtrand von Moskau, wo er in eine Rakete steigt und zum Mars fliegt. Begleitet wird er von dem Rotarmisten Gussev, den die Tatenlosigkeit nach den Revolutionskriegen und seine Ehe langweilen, und einem Detektiv, der sich auf die Fersen des vermeintlichen Mörders gemacht hat und kurz vor dem Start in die Rakete gelangt ist. Auf dem Mars herrscht eine Art totalitäres Regime, Arbeitssklaven, die gerade nicht benötigt werden, lagert man dort eingefroren in Kühlhäusern. Losj verliebt sich in Aelita, die Königin vom Mars, während der Rotarmist eine Revolution anzettelt. Losj tötet Aelita später, weil diese sich zwar am Anfang auf die Seite der Aufständischen stellte, sich letztendlich aber doch als unverbesserliche Tyrannin entpuppte, die, um in realpolitischen Termini zu sprechen, nicht bereit war, den Schritt von der bürgerlichen (Marseillaise-Musik!) zur proletarischen Revolution zu vollziehen, sondern die Arbeiter weiterhin versklaven wollte. Als Losj auf der Erde aus seinen Tagträumen erwacht, entdeckt er, dass die Worte „ Anta Odeli Uta“ nichts anderes waren als Reklame für eine Handelsmarke. Es stellt sich heraus, dass er seine Frau nicht erschossen hat. Losj verbrennt seine Konstruktionsunterlagen für eine Rakete mit den Worten: „Genug geträumt, uns alle erwartet eine andere, richtige Arbeit.“ Mit diesem symbolischen Abschied von seinen phantastischen Tagträumereien endet der Film. Das Leben in Moskau ist nicht mehr so chaotisch wie am Anfang, Natascha arbeitet nun in einem Kinderheim und auch gegen die Korruption wurde etwas unternommen (der korrupte Beamte Erlich wurde festgenommen). Ein kommunistisches Happy End.

Der Film basiert auf der Novelle „Aelita“ von Alexej Tolstoi (1883-1945). Tolstoi, der bei Ausbruch der Oktoberrevolution den Zielen und Bestrebungen der neuen Machthaber eher kritisch gegenüberstand, hatte seine Heimat verlassen und war nach Westeuropa emigriert. Doch enttäuscht von den Zuständen im Westen, der antisowjetischen Haltung vieler Emigranten und getrieben von der Sehnsucht nach der Heimat, fasste er den Entschluss, nach Russland zurückzukehren. In der sowjetischen Botschaft in Berlin verfasste er 1921 den Marsroman „Aelita“. Der Regisseur des Films, Jakov Protasanov, teilte ein ähnliches Schicksal. Auch er war zunächst aus Russland emigriert (1918), kehrte aber 1922 in die Sowjetunion zurück. Das Thema Emigration kommt auch in dem Film selbst vor.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Protasanov im Westen „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) gesehen hat. Die Kulissen auf dem Mars erinnern an die expressionistischen Kulissen des Films von Robert Wiene, ergänzt durch eine Melange aus Bauhaus, Kubismus und russischem Konstruktivismus. Auch die ausgefeilten Werbestrategien für beide Filme weisen Parallelen auf. Mit den Worten „Du musst Caligari werden!“, die auf Werbeplakaten, Transparenten und Zeitschriften in ganz Berlin zu lesen waren, ohne dass zu dem Zeitpunkt für die Bevölkerung klar war, worum es sich eigentlich handelte, wurde für den Film von Robert Wiene geschickt Werbung gemacht. „Aelita“ wurde Ende September 1924 im Moskauer Kino Ars (heute Stanislawski-Theater) uraufgeführt. Die Werbung für den Film setzte schon ein halbes Jahr vorher ein. Seit dem 26. Februar druckte die Zeitschrift Kinogazeta die Worte „Anta Odeli Uta“ ohne weitergehende Erläuterungen ab. Ausgabe für Ausgabe. Diese Worte begegneten den Zeitgenossen bis kurz vor der Uraufführung immer wieder, auf Plakaten, Zaunwänden oder Transparenten, die quer über Straßen gespannt waren. Ab April wurden die drei Worte bisweilen ergänzt durch den Satz: „Seit einiger Zeit empfangen Radiostationen auf der ganzen Welt unbekannte Signale...“ Kurz vor der Uraufführung druckte die Kinogazeta einen Text, der darüber informierte, dass die Signale nun entschlüsselt seien. Die Auflösung gäbe es im Kino Ars zu sehen. Kein Wunder, dass die erste Science-Fiction-Großproduktion der Sowjetunion, das teuerste Projekt des noch jungen sowjetischen Films, ein Megaerfolg wurde. Der weibliche Vorname Aelita soll sogar bei jungen Eltern nach 1924 besonders beliebt gewesen sein.

Sowohl Roman als auch Film sind ein offenes Bekenntnis zu den Zielen der Revolution und enthalten in dem Sinne Elemente von Propaganda, allerdings noch nicht so dogmatisch und schematisiert wie ab Anfang der 30er-Jahre (sozialistischer Realismus). Rückblenden auf die gute alte Zeit, in der der Wein noch nicht sauer schmeckte und Ordnung herrschte, enthalten deutliche Seitenhiebe auf die im vorrevolutionären Russland herrschende soziale Ungleichheit: Ein Mensch muss dem anderen die Schuhe putzen, eine Gruppe auf dem Bürgersteig wird genötigt stehen zu bleiben, weil Mitglieder der feinen Gesellschaft den Weg kreuzen. Realistisch wird im Film aber auch der nachrevolutionäre Alltag gezeigt, der geprägt ist von Lebensmittelkarten, Wohnungsnot, Korruption und Spekulation sowie illegal veranstalteten Bällen für eine ausgesuchte Gesellschaft.

Die Bedeutung des Films ist, ähnlich wie sein Inhalt, auf zwei Ebenen angesiedelt. „Aelita“ ist ein wertvolles Zeitdokument und ein sehr genaues Alltagsporträt Moskaus zur Zeit der „liberalen“ Neuen Ökonomischen Politik. Protasanov, der gerne Spielfilmszenen mit dokumentarischen Aufnahmen verband, zeigt uns auch hier zahlreiche authentische Aufnahmen von Originalschauplätzen mit Statisten aus dem einfachen Volk. Unter anderem sind Bilder einer Demonstration auf dem Roten Platz (ohne Lenin-Mausoleum) zu sehen. Das Minin-und-Poscharski-Denkmal steht dabei noch im Zentrum des Roten Platzes und nicht wie heute vor der Basilius-Kathedrale, und der Rote Platz selbst ist noch nahezu unbefestigt, mit Gras und Stroh bedeckt. Wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ ist auch „Aelita“ ein Schlüsselfilm seiner Zeit, in dem sich Historie und Entstehungsbedingungen gleich mehrfach spiegeln (Kunst, Politik, Film). „Aelita“ erzählt die Geschichte seiner Zeit und von Helden, die sich von ihrer Vergangenheit trennen und die neue Wirklichkeit akzeptieren. Phantastische Träumereien werden verworfen, stattdessen gilt es, sich an die wirklich wichtige Arbeit zu machen, den Aufbau einer Utopie auf Erden. Filmhistorisch bedeutsam ist „Aelita“, weil es sich um einen der ersten Langfilme des Science-Fiction-Genres überhaupt handelt und er mit seinen Dekors und Kostümen die Vorstellung von futuristischen Gesellschaften prägte. Allein wenn man sich die Folgen der einflussreichen amerikanischen „Flash Gordon“-Serie aus den dreißiger Jahren anschaut, wird man zahlreiche Ähnlichkeiten entdecken können. Und glaubt man dem Eintrag in der russischsprachigen Wikipedia, dann wurde auch einer der Väter der sowjetischen Kosmonautik, der Raketenkonstrukteur Boris Tschertok (1912-2011), in seiner Biografie wesentlich von dem Film „Aelita“ beeinflusst, weil er in ihm das Interesse für Radiotechnologie, Fliegerei und Raumfahrt weckte.

„Aelita“ ist ein Stummfilmklassiker und ein Meilenstein des Science-Fiction-Genres. Einer von den Filmen, bei denen man froh sein kann, dass sie der Nachwelt erhalten geblieben sind. Denn einige Jahre später kam der Film in der Sowjetunion auf die Liste der verbotenen Werke. Das änderte sich erst mit Ende des Kalten Krieges gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Die Schwäche des Films, die allzu offensiv verkündete ideologische Botschaft, wird allemal wettgemacht durch seine filmästhetischen Vorzüge. Er überzeugt durch seine dokumentarischen Aufnahmen und die überraschend genaue Darstellung des zeitgenössischen Moskau einerseits, andererseits durch seine wegweisenden phantastischen Bilder und Kulissen vom Mars. Diese stilistische Dichotomie von Realismus und Phantastik gibt dem Film einen ganz besonderen Reiz. Darüber hinaus sind die schauspielerischen Leistungen grandios. Der Regisseur verpflichtete in erster Linie erfahrene Theaterschauspieler, und um eine Schönheit für die Rolle der Aelita zu finden, führte Protasanov ein mehrere Tage dauerndes Casting durch. Unzählige Anwärterinnen sollen sich für die Rolle der Marskönigin beworben haben, die letztendlich an die junge Schauspielerin Julia Solnzewa vergeben wurde.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Parade auf dem Roten Platz // Aelita // Marsarbeiter auf Fließband // Marsianer schauen durch Teleskop // Marskulissen // Revolution auf dem Mars

Bewertung: (9/10)