Donnerstag, 17. Oktober 2013

Extinction - The G.M.O. Chronicles



Extinction – The G.M.O. Chronicles (Deutschland 2011, Regie: Niki Drozdowski)

Kritik: Ein Jahr vor der Atomkatastrophe in Fukushima explodieren in diesem Zombiefilm in Europa die Atomkraftwerke und nötigen den Protagonisten den Plan auf, über Gibraltar nach Afrika zu fliehen, um der Strahlenkrankheit zu entkommen. Und zwei Jahre vor dem NSA-Skandal telefoniert ein in Deutschland tätiger NSA-Agent regelmäßig mit seinen Vorgesetzten. Er weiß mehr über die Ursachen der Zombie-Apokalypse, doch nicht einmal seiner Tochter hat er davon erzählt. Man kann Niki Drozdowski, dem Produzenten, Regisseur und Autor von „Extinction – The G.M.O. Chronicles“ in diesen beiden Punkten ein nahezu prophetisches Gespür in der Themensetzung bescheinigen. Ein außer Kontrolle geratenes Virus eines Biotechunternehmens ist die Ursache dafür, dass sich die meisten Menschen in Zombies verwandeln (na hoffentlich hat Drozdowski hier nicht noch eine weitere Vorahnung verarbeitet).

„Extinction“ erzählt die Geschichte einer Handvoll Überlebender, die offensichtlich immun sind. Sie besorgen sich Nahrung und Waffen und verstecken sich in einem riesigen umzäunten Areal, einem ehemaligen amerikanischen Militärgelände. Hier wähnen sie sich zunächst in Sicherheit vor den schnellen und langsamen Zombies, die nur tagsüber aktiv sind und nachts in eine Art Starre verfallen. Doch einige Zombies entwickeln sich ständig weiter. Irgendwann werden sie auch nachts zur Bedrohung, und selbst hohe Zäune stellen für sie kein Hindernis mehr dar. Die Gruppe muss ihr sicher geglaubtes Versteck verlassen.

„Extinction“ ist ein deutscher Zombiefilm, der in und um Köln gedreht wurde. Jeder Versuch, in Deutschland dem Genrekino zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen, ist grundsätzlich lobenswert. Und es gelingt dem Film sehr gut, eine bedrohliche, apokalyptische Atmosphäre zu schaffen. Die Bilder von Zombies, die durch erkennbar deutsche Straßen und Vororte laufen, sind gelungen, prägen sich ein und gehen einem nahe, weil einem alles so bekannt vorkommt. Das Bild des Atomkraftwerks, aus dem Rauch aufsteigt, hinterlässt ebenfalls bleibenden Eindruck genauso wie der Panoramablick auf das endzeitliche Köln.

Die entsättigten Farben und die teils monochrome Farbgebung unterstützen den düsteren Eindruck der Szenerie. Die Stärke des Films liegt besonders im visuellen Bereich. Daher ist es wirklich, wirklich schade, dass „Extinction“ in anderen Bereichen so stark abfällt. Die Figuren bleiben erschreckend eindimensional und klischeehaft (der Scharfschütze aus dem Kosovo, der Bundeswehrsoldat, der nicht zielen kann, die Tochter des Agenten, der Kriminelle, der Eifersüchtige, der durchgeknallte Priester etc.), die Dialoge sind mittelmäßig bis schwach und die Nachsynchronisation hört sich grausam an - was die Aufmerksamkeit noch mal besonders auf das gesprochene Wort lenkt. Der Film wurde in Englisch gedreht und offensichtlich im Studio deutsch nachsynchronisiert. Das ist übel, gerade vor dem Hintergrund, dass man den Mut hatte, einen deutschen Zombiefilm in deutschen Städten mit deutschen Schauspielern zu drehen.

„Extinction“ hat im Mittelteil einige Längen und bei manchen Actionszenen fehlte es offensichtlich an Genauigkeit. Wenn zum Beispiel deutlich hörbar nur ein Schuss fällt, aber zwei Zombies gleichzeitig ungeschickt hinfallen, dann mutet das doch sehr merkwürdig an. Und wie leicht die Zombies mit Eisenketten gesicherte Tore eintreten (was ist da eigentlich mit den Ketten geschehen?), gibt auch zu denken. Dass erwachsene Menschen wie Cowboy spielende Kinder meinen, einen „Anführer“ wählen zu müssen, stößt auf und reißt einen irgendwie aus der Geschichte. Der Höhepunkt ist der Kriminelle, der 16 Tage in einer Zelle gesessen hat und sich ausschließlich von Toilettenwasser und Klopapier ernährt haben will. Sein Verhalten spiegelt in keinster Weise wider, was er durchgemacht haben muss. Er benimmt sich völlig ruhig, so als ob man ihn nur mal ein, zwei Stunden zu lange beim Arzt hat warten lassen. Der Film hinterlässt insgesamt einen zwiespältigen Eindruck. Der Satz „Da wäre mehr möglich gewesen!“ drängt sich unweigerlich auf. Einerseits visuell starke, realistisch wirkende Szenen einer Apokalypse in Deutschland, andererseits allenfalls nur durchschnittlich agierende Darsteller, schwache Dialoge, schlechtes Drehbuch sowie handwerkliche Fragezeichen. Das größte Fragezeichen bleibt aber ein Zitat aus der „Kölnischen Rundschau“, mit dem auf dem Cover geworben wird: „Szenarien wie bei ,Herr der Ringe‘.“ Na wenn das mal keine falschen Erwartungen weckt. Obwohl, Pfeil und Bogen, Wald, eine Burg und „Gefährten“ bieten beide Filme. Na dann...

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: kreischende Zombiefrau ohne Augen // rauchendes Atomkraftwerk // Zombies klettern eine Burg hinauf und werfen Schatten an die Wand // das Panorama des endzeitlichen Köln

Bewertung: (5,5/10)

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Dark Beach - Insel des Grauens




Dark Beach - Insel des Grauens (OT: Uninhabited, Australien 2010, Regie: Bill Bennett)

Kritik: Harry (Henry James) und Beth (Geraldine Hakewill) lassen sich mit einem Boot auf eine abgelegene Insel im Great Barrier Reef bringen. Dort wollen sie in aller Abgeschiedenheit einen zehntägigen Liebesurlaub verbringen. Zur Sicherheit haben sie zwar ein Satellitentelefon dabei, doch wenn sie nichts von sich hören lassen, kommt das Boot erst wieder nach eben diesen zehn Tagen vorbei, um sie abzuholen. Für den gemeinen Westeuropäer ist das kein idyllischer Ort und keine ideale Voraussetzung für einen entspannten Campingurlaub, trotz Sonne, Strand und Meer. Doch der Meeresbiologin macht es nichts aus, zwischen kleinen Haien, Seeschlangen, Stachelrochen und giftigen Steinfischen herumzuplantschen, und auch ihr Freund sagt überzeugt: „Ich habe vor gar nichts Angst!“ Diese Worte sollte man in einem Horrorfilm niemals aussprechen ebenso wenig wie den Satz: „Ich komme gleich wieder.“

So dauert es auch nicht lange, bis den zwei scheinbar angstbefreiten Protagonisten etwas mulmig wird. Fremde Fußspuren im Sand deuten darauf hin, dass sie nicht alleine sind. Zunächst denken sie an einen Streich irgendwelcher Kids, doch nachdem sie die Insel abgesucht haben, müssen sie feststellen, dass sich dort niemand anderes aufhält. Eines Morgens entdecken sie Aufnahmen auf ihrer Videokamera, die sie nicht gemacht haben. Ein Fremder hat Beth und Harry gefilmt, während sie schliefen. Aufgeschlitzte und auf Spieße drapierte Seegurken und der Fund einer Hütte im Inselwäldchen samt Grabstätte geben ihnen den Rest, Panik zieht auf. Doch es ist zu spät, sie befinden sich bereits im Sog von Ereignissen, die sie nicht mehr kontrollieren können.

Der stilsicheren Regie von Bill Bennett gelingt es wunderbar, vor allem in der ersten Hälfte des Films, eine Atmosphäre der Bedrohung zu schaffen, und das ganz ohne Blutvergießen. Ein 360-Grad-Kameraschwenk, der mich an den aus „Tanz der Teufel 2“ erinnert hat, macht gleich am Anfang klar, wo wir uns befinden: an einem Ort, von dem es kein Entrinnen gibt. Die Abgeschiedenheit des Ortes ist ein klassisches Rezept im Horrorfilm. Dabei ist es egal, ob es sich um eine Hütte im Wald handelt, die von einem Meer von Bäumen umgeben ist, oder um eine einsame Insel mit Bäumen, die von Meer umgeben ist, wie in „Dark Beach“.

Das zweite klassische Problem, das jeder Horrorfilmregisseur heute zu lösen hat, ist das der (nicht möglichen) Kommunikation. Im Backwood-Horror ist es gerne das oft bemühte Funkloch, in „Dark Beach“ verschwindet, Überraschung, das Satellitentelefon auf spukhafte Weise...

Über eineinhalb Minuten dauert der erwähnte 360-Grad-Kameraschwenk, der im Grunde nichts anderes zeigt als Weite, Meer, Sand und Bäume. Und doch strahlt diese Plansequenz eine Bedrohlichkeit aus, die in bester australischer Manier an ähnlich düster-stimmungsvolle Natur-Aufnahmen aus „Picknick am Valentinstag“ (1975) und „Long Weekend“ (1978, Remake: 2008) erinnert. Was die Inszenierung betrifft, hat „Dark Beach“ in der Tat große Ähnlichkeit mit diesen Filmen. Es ist ein leiser, feiner Gruselfilm, der mit Geräuschen, guter Kameraarbeit und einer unheimlich dichten Atmosphäre subtilen Schauer erzeugt. Die Schauspielerleistungen sind eher durchschnittlich, und das Drehbuch hätte seinen zwei Hauptdarstellern an manchen Stellen besser etwas weniger einfältiges Verhalten vorschreiben sollen. Im letzten Teil von „Dark Beach“, als sich zunehmend klärt, wer oder was hinter dem Spuk steckt, fällt der Film meiner Meinung nach zwar etwas ab, aber den insgesamt guten Gesamteindruck kann das nicht trüben. Und das Ende von „Dark Beach“, an dem eines der oben genannten unsympathischen Viecher eine Hauptrolle spielt, ist zusammen mit den letzten Einstellungen wiederum sehr gelungen.

Negative Bewertungen des Films hängen vor allem mit einer falschen Erwartungshaltung zusammen. Es ist ein ruhiger Gruselfilm, der von der Atmosphäre lebt und von der Identifikation mit den Hauptdarstellern, in deren zunehmend ausweglose Situation man sich gut hineinversetzen kann. „Dark Beach“ nimmt nur in wenigen Momenten etwas an Fahrt auf, zum Beispiel als Fischer, die illegal Haie schießen, auf die Insel kommen und Harry und Beth zusätzlich das Leben schwer machen. Mir hat der Film gut gefallen, doch wem „Picknick am Valentinstag“ und „Long Weekend“ zu unspektakulär waren, der sollte auch von „Dark Beach“ besser Abstand nehmen.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: 360-Grad-Kameraschwenk // aufgeschlitzte Seegurken

Bewertung: (7/10)

Freitag, 13. September 2013

Dario Argento. Anatomie der Angst



Michael Flintrop, Marcus Stiglegger (Hrsg.): Dario Argento. Anatomie der Angst, Berlin 2013

Ganz still und heimlich ist in deutschen Landen etwas passiert, was niemand mehr für möglich gehalten hätte: nein, nicht die Abschaffung der staatlichen Zensur in Deutschland... Erstmals ist im deutschsprachigen Raum ein Buch von über 30 hervorragenden Filmwissenschaftlern und Filmkennern erschienen, das sich mit dem Werk von Dario Argento befasst, einem der einflussreichsten und ungewöhnlichsten Filmemacher Europas. Warum das so außergewöhnlich ist? Dr. Marcus Stiglegger bringt es auf den Punkt: Es sind die Vertreter der deutschsprachigen Filmwissenschaft, „die anders als im englischsprachigen Raum die Bedeutung von Genrevisionären wie Argento erfolgreich im wissenschaftlichen Diskurs marginalisieren... immer dieselben Beispiele als ,Klassiker‘ glorifizieren... und (somit) für die relative Resonanzlosigkeit der deutschsprachigen Filmforschung international“ verantwortlich sind. Aber es ist nicht nur die konservative deutsche Filmwissenschaft allein, sondern die unheilige Allianz dieser mit dem perfiden staatlichen Zensursystem, das es außergewöhnlichen Filmemachern, besonders aus dem Bereich des Horrorfilms, in Deutschland so schwer macht. Umso mehr muss man den Herausgebern Michael Flintrop und Marcus Stiglegger für dieses Buch danken, das ihnen schon seit Jahren am Herzen lag.

Marcus Stiglegger gibt in seinem einführenden Aufsatz eine kenntnisreiche Einführung in das Gesamtwerk Dario Argentos. Er präsentiert einen Überblick über die unterschiedlichen Schaffensphasen des italienischen Regisseurs, dessen Kino er als „performatives Kino der Sensation“ definiert. „Sensation, da es mit Bild und Ton direkt an die Sinne des Publikums appelliert, und performativ, da es sich über narrative Logik hinwegsetzt und Bild und Klang sich verselbstständigen lässt, um diesen Angriff auf die Sinne zu garantieren.“ Besser kann man das Wesen der meisten Filme von Argento nicht beschreiben. Stiglegger fasst in seinem Beitrag weiter die für Argento typischen Stilmittel (entfesselte Kamera, suggestive Montage, irritierende Klangwelt etc.) und Motive (unschuldig involvierter Protagonist, traumatisierte Täter, Tiere, Okkultismen etc.) zusammen. Was Stiglegger zum Teil nur andeutet und beschreibt, wird in vielen der folgenden thematischen Aufsätze weiter vertieft. Allein zwei Beiträge (Dominik Graf, Marc Fehse) beschäftigen sich ausführlich mit der Musik in den Filmen Argentos. Andere Autoren untersuchen den für viele Filmarbeiten Argentos obsessiven Einsatz von Gemälden und anderen Kunstobjekten (Joanna Barck) oder analysieren die Bedeutung des (unheimlichen) Raumes in Filmen wie „Suspiria“, „Profondo Rosso“, „Tenebre“ etc. (Johannes Binotto). Jörg von Brincken betrachtet „Dario Argentos Filme im Spiegel des Grand Guignol“ und stellt besonders die innige Verbindung zwischen dem Grand-Guignol-Theater und den Filmen Argentos bzw. dem Gore-Genre als Ganzes heraus. Heiko Nemitz fragt sich in seinem Beitrag, was Dario Argento und Brian de Palma verbindet und trennt. Einen ähnlichen Ansatz hat Ingo Knott, der Dario Argento und Mario Bava vergleicht. Dabei interessiert ihn besonders, ob Argento wirklich eine Art „Bava-Jünger“ ist. Eine Aussage, mit der Dario Argento immer wieder konfrontiert wird, die er aber ebenso häufig von sich weist. Etwas mehr als die Halfte des Buches besteht aus solchen und ähnlichen Themenaufsätzen. Hervorzuheben ist hier noch, besonders für die Münchner Fans des Films „Suspiria“, der Beitrag von Sebastian Selig: „Zur Escherstraße. Eine Reise zu den Drehorten von Suspiria (1977).“ Dieser Beitrag ist auch in der Ausgabe 95 der Zeitschrift „Splatting Image“ abgedruckt. Der zweite, etwas weniger umfangreiche Teil des Buches besteht aus in der Regel vierseitigen Filmbesprechungen. 23 Werke Argentos werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln von verschiedenen Autoren besprochen. Das Buch „Dario Argento. Anatomie der Angst“ gibt einen Überblick über Filme und Facetten des italienischen Regisseurs von „Giallo“-Thrillern und Horrorfilmen und ist von enzyklopädischem Wert. Es wurde, um mit den Worten von Marcus Stiglegger zu schließen, „reich und liebevoll gestaltet, als wäre es das letzte seiner Art“. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Dienstag, 3. September 2013

Unheimliche Geschichten

Unheimliche Geschichten (Deutschland 1919, Regie: Richard Oswald)

Kritik: Der Episodenfilm „Unheimliche Geschichten“ aus dem Jahr 1919 kann als einer der ersten Gruselfilme der Filmgeschichte angesehen werden. Das war auch der Tenor zeitgenössischer Kritiker. Die „Licht-Bühne“ (Nr. 46, 15. November 1919) schrieb sechs Tage nach der Premiere: „Richard Oswald … hat nun den Film des Unheimlichen geschaffen.“ Im „Berliner Tageblatt“ vom 8. November 1919 war zu lesen: „Zum ersten Mal ist hier eine Reihe von Filmeinaktern geboten, die auf einen ganz bestimmten Ton, den des Unheimlichen, gestimmt sind.“

Richard Oswalds „Unheimliche Geschichten“ besteht aus fünf Episoden plus Rahmenhandlung. In einem Buchantiquariat steigen um Mitternacht der Tod, der Teufel und eine Dirne von den Wänden, wo sie eingerahmt als Bilder hingen, und erzählen sich gegenseitig Gruselgeschichten. Conrad Veidt (der Tod), Reinhold Schünzel (der Teufel) und Anita Berber (Dirne) spielen auch in diesen fünf Geschichten die Hauptrollen. Erzählungen bekannter Autoren wie u. a. Robert Louis Stevenson oder Edgar Allan Poe dienten als Vorlage. Besonders die Episode „Die schwarze Katze“ nach Edgar Allan Poe dürfte dem Freund des gepflegten Grusels bekannt vorkommen, wurde sie doch schon etliche Male verfilmt. Hier zeigt Reinhold Schünzel als betrunkener Ehemann, der seine Frau im Keller einmauert, eine herausrag (Foto: Reinhold Schünzel mit Anita Berber in „Die schwarze Katze“).
 
In „Die Erscheinung“ geht es um eine Frau, die in ein Hotel eincheckt und über Nacht verschwindet. „Die Hand“ handelt von der Hand eines Ermordeten, die den Täter noch aus dem Jenseits verfolgt. „Der Selbstmörder-Klub“ erzählt die Geschichte eines Polizeikommissars, der in einen Geheimbund gerät und plötzlich um sein Leben fürchten muss. In „Der Spuk“ vertreibt ein eifersüchtiger Ehemann seinen Nebenbuhler auf gruselige Art und Weise. Conrad Veidt, bekannt als Somnambuler Cesare aus „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920), kann in „Unheimliche Geschichten“ noch mehr Facetten seines Könnens zeigen als in dem Horrorfilmklassiker von Robert Wiene. Ein wahrhaft charismatischer Schauspieler, der hohlwangig und hochgewachsen, mit seiner Mimik, Ausstrahlung und einmaligen Leinwandpräsenz auch heute noch jeden Film bereichern würde. Mal hat er mich an Udo Kier erinnert, dann wieder an Julian Sands und andere Hollywoodgrößen. Skandalnudel und (Nackt-)Tänzerin Anita Berber komplettiert das wunderbar aufspielende Trio und kann in einer Episode („Die Hand“) sogar ihr tänzerisches Talent aufblitzen lassen. Es war ein großer Verlust, dass sie, durch ein ruheloses, „unmoralisches“ Leben und Drogenkonsum geschwächt, schon neun Jahre später (1928) mit nur 29 Jahren an Tuberkulose starb.

Das Zusammenspiel der drei erwähnten Schauspieler ist meisterhaft und trägt wesentlich zur Qualität der „Unheimlichen Geschichten“ bei. Daneben ist es die gekonnte Inszenierung durch Richard Oswald und der sparsame Einsatz der Texttafeln, die diesen frühen Gruselfilm auszeichnen. Besonders die wenigen Zwischentitel und die Kürze der Episoden (Gesamtdauer: 99 Minuten) macht „Unheimliche Geschichten“ auch für Stummfilm-Einsteiger interessant und leicht konsumierbar. Der Gruselfaktor hält sich für den heutigen Betrachter allerdings in Grenzen, hier kommt Richard Oswalds Episodenfilm nicht an die Klassiker von Robert Wiene („Das Cabinet des Dr. Caligari“) und Friedrich Wilhelm Murnau („Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“, 1922) heran. „Unheimliche Geschichten“ ist in der Reihe „Juwelen der Filmgeschichte“ erschienen, und das zu Recht. Seine filmhistorische Bedeutung liegt darin, dass er in Ansätzen ein frühes Beispiel für den expressionistischen Gruselfilm darstellt, der nach dem Ersten Weltkrieg, besonders mit „Das Cabinet des Dr. Caligari“, den Weltruf des deutschen Kinos begründete.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: tanzende Anita Berber // Teufel, Tod und Dirne

Bewertung: (7/10)

Sonntag, 1. September 2013

Der Rattengott


Der Rattengott (OT: Izbavitelj, Jugoslawien 1976, Regie: Krsto Papic)

Kritik: Im Jahr 1982 hatte ich den Ostblock-Horrorfilm „Der Rattengott“ zum ersten Mal gesehen, und zwar im ZDF im Rahmen der von mir so geliebten Reihe „Der phantastische Film“. Der Film, der nach einer Vorlage des russischen Schriftstellers Alexander Grin („Der Rattenfänger“) entstanden ist, hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, einige Bilder haben sich meinem Gedächtnis nahezu eingebrannt. Zum Beispiel die Rattenmenschen mit ihren teils deutlich sichtbaren, teils angedeuteten Nagezähnen (die aussehen wie die Zähne Nosferatus in Murnaus gleichnamigem Stummfilmklassiker), ihren behaarten und spitzen Gesichtern. Oder das Fest der Rattenmenschen in der verlassenen Zentralbank, das von Fress-, Tanz- und Sexorgien geprägt ist. Es ist unbestritten, dass „Der Rattengott“ eine Parabel auf den Faschismus ist, „eine Metapher für die nationalsozialistische Unterwanderung einer wirtschaftlich geschwächten Gesellschaft“ (Marcus Stiglegger). Dennoch überrascht es, dass dieser Film anscheinend problemlos die Hürden der kommunistischen Zensur genommen hat. Denn jede Kritik am Faschismus war/ist ja gleichzeitig eine Kritik an jeder Diktatur mit Heilsversprechen und Exklusivitätsanspruch. Und Diktaturen mit Heilsversprechen und Exklusivitätsanspruch waren schließlich auch die zeitgenössischen kommunistischen Herrschaftssysteme. Wir haben es also einem „guten“ Tag der Zensoren zu verdanken, dass uns dieses Filmjuwel erhalten geblieben ist. Und wohl auch der Tatsache, dass der jugoslawische Kommunismus zu dieser Zeit nicht ganz so dogmatisch daherkam wie der sowjetische. Besonders im Bereich der Kunst.

Der Film spielt in der Tschechei 1925. Nach dem Ersten Weltkrieg befindet sich die Welt in einer Wirtschaftskrise. Anhand der Person Ivan Gajski (Ivica Vidovic) zeigt der Film die Auswirkungen dieser Krise. Jobs gibt es keine, und so verliert der erfolglose Schriftsteller, der ein wenig an den jungen Roman Polanski erinnert, seine Wohnung, weil er seit drei Monaten die Miete nicht mehr bezahlt hat. Auf dem Flohmarkt will er seine letzten drei Bücher verkaufen und lernt dabei Sonja kennen, die hübsche Tochter von Professor Boskovic, die er aber zunächst wieder aus den Augen verliert. Sein Nachtquartier nimmt sich Ivan in einer verlassenen und verriegelten Zentralbank, in die er einbricht. Dort wird er Zeuge einer opulenten Orgie der feinen und reichen Gesellschaft. So scheint es zumindest. Später stellt sich heraus, dass die Gestalten nur den Anschein erwecken, Menschen zu sein. In Wirklichkeit sind es Ratten, die die Fähigkeit haben, sich in Menschen zu verwandeln und die ihnen hörigen Menschen in Mischwesen. Erklärtes Ziel ist es, geführt von einem Rattengott, die Weltherrschaft zu erlangen. Ivan nimmt Kontakt mit Sonja auf und erfährt so, dass ihr Vater, Professor Boskovic, das Geheimnis der Ratten entdeckt hat und dabei ist, ein Anti-Ratten-Spray zu entwickeln. Zusammen mit Ivan will er den Ratten nun Einhalt gebieten. Doch sowohl Stadtverwaltung als auch Gesellschaft sind schon von Rattenmenschen unterwandert. Wem kann man noch vertrauen?

Der spannende Film hat eine klare Symbolik und Sprache. In der unter anderem aus Vogelperspektive gefilmten Orgie der Rattenmenschen sieht man die Anordnung der Festtische, die grafisch die Hälfte eines Hakenkreuzes darstellen (Foto).

Der Rattengott wird als charismatischer Führer gezeigt, und die Hoffnung von Professor Boskovic und Ivan beruht darauf, dass der „faschistische“ Spuk vorbei sein wird, wenn es gelingt, den Rattengott zu töten. Das Thema der heimlichen Unterwanderung der Gesellschaft durch „Andere“ erinnert an viele amerikanische B-Movies aus den 50er-Jahren. Unter anderem fallen sofort Parallelen zu Don Siegels „Die Dämonischen“ aus dem Jahr 1956 auf: zum Beispiel, als die Masse der Rattenmenschen den noch nicht transformierten Ivan Gajski entdeckt und hinter ihm herstürzt. Auch an John Carpenters „Sie leben!“ (1989) wird man erinnert, als Ivan das Rattengift auf den Straßen verteilt und durch die „enttarnten“ Rattenmenschen dann sichtbar wird, wer Mensch ist und wer nicht. Im Grunde hat der Film Ähnlichkeit mit all den fantastischen Kalter-Krieg-Filmen, die in ihren Subtexten nichts anderes verhandeln als die Angst vor heimlicher (kommunistischer) Unterwanderung und Gleichmacherei. „Der Rattengott“ gehört zum sogenannten Transformationshorror (Gestaltwandlerfilme). Was ihn filmgeschichtlich besonders interessant macht, ist die hier andere „Stoßrichtung“ der Verwandlung. Nicht ein Mensch verwandelt sich in eine Bestie, wie zum Beispiel in allen Werwolf-Varianten oder in den „Katzenmenschen“-Filmen etc., sondern die Bestie, die Ratte, verwandelt sich in einen Menschen. Auch in den eher naturalistischeren Szenen weiß der Film Atmosphäre zu kreieren. Die Ratten werden nicht als weiße Kuscheltiere gezeigt, sondern so, wie sie sind und den Menschen seit Jahrhunderten schon immer Angst eingejagt haben: als dicke, graubraune Nager mit schmalen, bedrohlich wirkenden Augen. Es sind dieser Art atmosphärische Bilder und das glaubwürdige Setting (Tschechei, 20er-Jahre), die den Film zu einem besonderen Filmerlebnis machen. Der Film ist in einem wie ich finde wunderbar gestalteten, auf 500 Stück limitierten Mediabook als DVD erschienen. Es enthält ein Booklet mit einem kurzen Aufsatz von Filmkenner Marcus Stiglegger mit dem Titel „Transformationshorror als politische Metapher in Der Rattengott“.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Gesichter der Rattenmenschen // Fest der Rattenmenschen

Bewertung: (8/10)