Sonntag, 23. März 2014

Gelungene Verfilmung von H. P. Lovecrafts Kurzgeschichte "Die Farbe aus dem All" (1927)


Die Farbe (Deutschland 2010, Regie: Huan Vu)

Kritik: In den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts schlägt in einem Dorf in der Schwäbischen Alb ein Meteorit ein. In der Folge kommt es zu einer Reihe unerklärlicher Veränderungen bei Pflanzen, Tieren und Menschen. Schon die Tatsache, dass sich der Meteorit einer Untersuchung durch Wissenschaftler entzieht, sich nach einigen Tagen auflöst und nichts mehr von ihm übrig bleibt, deutet an, dass wir es hier mit etwas Unfassbarem zu tun haben. Die Familie, auf dessen Gehöft der außerirdische Körper niederging, ist besonders hart getroffen. Es kommt zu Missernten, Pflanzen zerfallen nach einer kurzen Phase des Aufblühens zu Staub, und auch vor Tieren und Menschen macht das Phänomen nicht halt. Fische, Vögel und Frösche sterben, Menschen werden von Wahnsinn befallen.

Ähnlich wie es Robert Wiene bei einem der ersten phantastischen Filme, „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920), getan hat, bedient sich auch Regisseur Huan Vu des erzählerischen Konzept der Rahmenhandlung. Ein Amerikaner aus der Stadt Arkham fährt in den 70er-Jahren in das betroffene Dorf, um Erkundigungen über seinen seit einiger Zeit verschwundenen Vater einzuholen. Dieser war 1945 als Mitglied der amerikanischen Streitkräfte dort stationiert und ist nun wieder in diese Gegend gefahren. Der Sohn trifft bei seinen Nachforschungen auf einen älteren Dorfbewohner, der von den unheimlichen Geschehnissen nach dem Meteoriteneinschlag berichtet.

Spätestens mit der Erwähnung des Ortes Arkham erkennt der Genreliebhaber den Verweis auf den Horrorschriftsteller H. P. Lovecraft (1890-1937). In vielen seiner unheimlichen Erzählungen kam dieser fiktive Ort vor. Die Werke Lovecrafts dienten, ähnlich wie die von E. A. Poe, zahlreichen Horrorfilm-Regisseuren als Inspirationsquelle und Stichwortgeber. Und auch Huan Vus „Die Farbe“ ist eine Verfilmung von Lovecrafts Erzählung „The Colour Out Of Space“ (dt.: „Die Farbe aus dem All“). Ort und Zeit wurden zwar verändert, Figurenkonstellation und Fabel jedoch wurden kaum modifiziert. „The Colour Out Of Space“ erschien 1927 und markiert den Beginn der Schaffensperiode des Autors, in der er seine großen kosmischen Horrorgeschichten verfasste. Die Erzählung beeindruckt durch die genaue, fast reportagenhafte Darstellung der unheimlichen Ereignisse, die dem Meteoriteneinschlag folgten. Meisterhaft schildert er den langsam fortschreitenden Verfall von Flora und Fauna. „Über allem lag ein Schleier von Unrast und Bedrückung; ein Hauch des Unwirklichen und Grotesken, so als sei ein wesentliches Element der Perspektive oder des Wechsels von Licht und Schatten zerstört.“ 

Diese Worte hat Lovecraft seinem Ich-Erzähler in den Mund gelegt, und es ist beeindruckend, wie es Huan Vu in seiner filmischen Adaption gelingt, die hier nur angedeutete Atmosphäre der Erzählung auf die Leinwand zu übertragen. Er setzt offenbar genau bei den Begriffen Perspektive sowie Licht und Schatten an. Mit klassischen Stilmitteln der Filmkunst gelingt es ihm, die düstere Atmosphäre der literarischen Vorlage fast eins zu eins umzusetzen. Charakteristisch für die Schwarz-Weiß-Bilder des Films sind eine Dominanz dunkler Grautöne und Kontrastarmut, was die eigenartige Stimmung nur noch verstärkt. Handwerklich wurde das wohl dadurch erreicht, dass die Szenen zwar in Farbe gedreht wurden, aber anschließend ohne weitere große Bearbeitung in Schwarz-Weiß konvertiert wurden. Der mehrfache Einsatz der subjektiven Kamera, sogar aus der Perspektive des Meteoriten, evoziert von Anfang an eine besonders bedrohliche Atmosphäre. Ahnt doch der Zuschauer schon lange vor den Protagonisten, dass es sich hier wohl um eine Art Wesen oder Existenz handelt. Wer sollte sonst aus dem Meteoriten „herausschauen“? Schräge Kamerawinkel, lange Einstellungen und Großaufnahmen alltäglicher Gegenstände, ungewöhnliche Perspektiven und der Einsatz von Weitwinkeloptiken verweisen mit Fortschreiten der Geschichte auf die aus den Fugen geratende Welt. Unterstützt wird das Ganze noch durch einen stimmigen Einsatz von Musik und bedrohlich wirkenden Geräuschen und Klängen. Trickaufnahmen von zu Staub zerfallenden Pflanzen und Körpern, übergroßer Insekten und dem Star des Film, der Farbe aus dem All, machen die Sache perfekt. Die einzigen Farbaufnahmen sind übrigens die, in denen die (pink-rosa) „Farbe aus dem All“ ihren Auftritt hat.

Der Film „Die Farbe“ ist ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie man auch mit geringem Budget eine unheimliche Stimmung und subtilen Schauer erzeugen kann. Er sollte all den untalentierten Hollywood-Regisseuren als Vorbild dienen, die anscheinend nur noch mit Schnittgewitter, Wackelkamera und der Lautstärke des Scores zu erschrecken vermögen. Der Film endet übrigens mit einem ähnlichen Fragezeichen wie der Stummfilm „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920). Durch die letzten Einstellungen, die konfusen Visionen des Rahmenerzählers, kann sich der Zuschauer nicht mehr ganz sicher sein, wie er das Gesehene einzuordnen hat...

Dieser Film gehört für mich zu den besten Literaturverfilmungen im Horrorgenre. Man muss die Geschichte von Lovecraft nicht unbedingt kennen, um an „Die Farbe“ gefallen zu finden. Er ist ein absolutes Must-see, und eigentlich gehört er auch in jede Filmsammlung. Wer in seinem Rezeptionsverhalten noch nicht durch Wackelkamera, Schnittgewitter und Lautstärke-Schocks beschädigt wurde, wird diesen ruhigen, bedrückenden Film genießen. Volle Punktzahl für ein Meisterwerk des (deutschen!) Genrekinos.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: von der Farbe durchleuchteter zerfallender Körper // Biene auf dem Kopf // Bäume // tote Tiere // Farbeffekte // übergroße Birnen

Bewertung: (10/10)


Sonntag, 16. März 2014

Hänsel und Gretel: Hexenjäger


Hänsel und Gretel: Hexenjäger (OT: Hansel and Gretel: Witch Hunters, USA/D 2013, Regie: Tommy Wirkola)

Kritik: Na dass mit dem guten alten Märchen „Hänsel und Gretel“ der Brüder Grimm irgendwas nicht stimmen konnte, haben wir ja schon immer geahnt. Eltern würden doch niemals ihre Kinder im Wald aussetzen, nur weil das Essen grad ein bisschen knapp ist oder die Zeiten schlecht sind. Wie es sich auch abgespielt haben könnte, zeigt uns Regisseur Tommy Wirkola in seiner Version des Volksmärchens. Die Geschwister wurden zu ihrem Schutz im Wald ausgesetzt, denn hinter den Kulissen tobte ein Krieg zwischen schwarzen und weißen Hexen, dem dann auch Vater und Mutter von Hänsel und Gretel zum Opfer fielen. Happy End ausgeschlossen. Ganz wie im Märchen erfahren wir in der Pre-Credits-Sequenz, wie Hänsel und Gretel ans Knusperhäuschen einer Hexe gelangen und in die Falle tappen. Hänsel wird von der Hexe mit Süßigkeiten gemästet, was ihm später dann prompt einen ausgewachsenen Diabetes mellitus einbringt. Vor allem dank Gretels furchtlosem Einsatz gelingt es den beiden Rackern, die Hexe dorthin zu befördern, wo wohl alle schwarzen Hexen am besten aufgehoben wären: in den Ofen. Dass bei der Inszenierung des Films viel Wert auf Action gelegt wird, deutet sich hier bereits an.

Schnitt. Hänsel (Jeremy Renner) und Gretel (Gemma Arterton) sind nun erwachsen, und der Zuschauer erfährt mittels abfotografierter Zeitungsausrisse im Schnelldurchlauf, dass Brüderchen und Schwesterchen mittlerweile als Hexenjäger eine große Karriere gemacht haben und, wenn sie denn gerufen werden, gegen Kohle den betroffenen Gemeinden helfen und die Hexen in Asche verwandeln. Ein solches Hexenproblem hat die Stadt Augsburg, in der immer mehr Kinder in der letzten Zeit spurlos verschwunden sind. Wie Hänsel und Gretel dieses Problem zu lösen versuchen und auf welche Widerstände sie dabei stoßen, zeigt Regisseur Wirkola in seinem temporeich inszenierten Fantasy-Action-Abenteuer. Wie schon bei der Information über die Biografie der Geschwister deutlich geworden ist, legt Wirkola dabei keinen allzu großen Wert auf klassisches, langatmiges Erzählen. Über die Charaktere Hänsel und Gretel erfahren wir nicht wirklich viel, auch der Handlungsstrang, der das Techtelmechtel von Hänsel mit einer weißen Hexe behandelt, wird eher oberflächlich dargestellt. Sämtliche Figuren bleiben, und hier sind wir wieder beim typischen Merkmal des klassischen Volksmärchens, eindimensional und schablonenhaft. Aber was dem Märchen nicht schadet, schadet auch diesem Film nicht.

Effekte und schnell geschnittene Kampf- und Actionszenen stehen im Mittelpunkt der Auseinandersetzung der Hexenjäger mit der Hexenarmee, die von einer beeindruckend spielfreudigen Famke Janssen als Oberhexen-Domina angeführt wird. Für eine düstere Atmosphäre sorgen tolle (Hexen-)Masken, Kostüme und Kulissen. Besonders die Szenen, die im finsteren deutschen Wald spielen, sind stimmungsmäßig gelungen. Der Film wurde unter anderem im Studio Babelsberg und in Braunschweig und Umgebung gedreht. Bei dem Marktplatz von Augsburg, der des Öfteren Schauplatz des Geschehens ist, handelt es sich in Wirklichkeit um den Burgplatz in Braunschweig. Dem Zuschauer bleibt jedoch kaum Gelegenheit, die düster-gruselige Atmosphäre in Ruhe zu genießen, denn der Film lässt einem kaum Zeit zum Durchatmen. Neben mit sichtlicher Freude inszenierten Actionsequenzen verwendet Regisseur Wirkola immer wieder auch das Stilmittel des Splatterfilms. Szenen, in denen Köpfe zerquetscht werden, Opfer Gretel vom Amtsrichter und seinen Kohorten verprügelt wird, fliegende Hexen mit einem Maschinengewehr wie Moorhühner vom Himmel geschossen werden oder ihrer körperlichen Unversehrtheit verlustig gehen, wenn sie mit aufgespannten Drähten kollidieren, sind wohl dafür verantwortlich, dass der Film nur eine FSK-16-Freigabe erhielt. Dass sich „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ an Erwachsene und Fast-Erwachsene richtet, heißt nicht, dass er nun auf ganzer Linie ernst genommen werden will. Zu häufig sind die bisweilen lustigen, bisweilen albernen Ideen, zeitgenössische Aspekte einfließen zu lassen (Zuckerkrankheit von Hänsel, Groupie mit Autogrammwunsch und Pressemappe). Das Konzept der alten, buckligen Hexe mit Hakennase wurde ergänzt. Die Entwicklung der Damen, die mit dem Satan im Bunde stehen, ist ähnlich der, die die beliebten Film-Zombies genommen haben, die sich ja auch erst schlurfend kaum auf ihren eigenen zwei Beinen halten konnten und später zu wahren Sprintwundern mutierten. Die Hexen in Wirkolas Film haben Martial-Arts-Fähigkeiten und sind im Zweikampf aufgrund ihrer Schnelligkeit und Gewandtheit kaum zu bezwingen. Diese Zweikämpfe zwischen Hänsel und /oder Gretel und den Hexen werden zeitlich bis zum Anschlag zelebriert. Hier hätte etwas weniger dem Film gut getan. Weit davon entfernt, eine komplexe Handlung zu haben, offenbart „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ seine Geschichte dennoch nicht ungeschickt und peu à peu erst mit fortschreitender Handlung, um dort zu enden, wo sie angefangen hat. 

Wirkolas Film will in erster Linie unterhalten, und das gelingt ihm bestens. Hat man sich erst mal auf Genre und Thematik eingelassen, kommt aufgrund der temporeichen Inszenierung und toller Bilder kaum Langeweile auf. Die Erzählzeit vergeht wie im Hexenflug. Den Hauptdarstellern Jeremy Renner und Gemma Arterton wird zwar nicht allzu viel an Schauspielkunst abverlangt, als Geschwisterpärchen mit heiliger Mission harmonieren sie jedoch wunderbar und glaubwürdig. Famke Janssen als Oberhexe ist der Oberhammer und eine reine Augenweide, Troll Edward, angesiedelt irgendwo zwischen King Kong und Shrek, ist der heimliche Star des Films. Ganz am Rande transportiert „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ im Subtext natürlich auch, wie fast jeder Film, einige moralische Lebensweisheiten, nämlich dass selbst Helden nicht alles wissen können (ja, es gibt auch gute Hexen) und man sich nie mit dem pöbelnden Mob gemein machen sollte, der allzu schnell Köpfe rollen sehen will. Aber das wissen wir selbstverständlich schon länger, denn wir lieben ja phantastische und Horrorfilme. „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ ist gelungene (Heim-)Kino-Unterhaltung, die durch ihre temporeiche Inszenierung und visuellen Angebote zu fesseln vermag. Ich werde mir den Film gerne ein zweites Mal anschauen und ganz gewiss auch das geplante Sequel...

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Luftangriff der Hexen // Zimmerrenovierung mit roter Farbe // Hexe im Ofen // Troll Edward // roter Himmel // Wald // nackte weiße Hexe

Bewertung: (7/10)



Dienstag, 4. März 2014

Die Teufelswolke von Monteville


Die Teufelswolke von Monteville (OT: The Trollenberg Terror, AT: The Crawling Eye, GB 1958, SW, Regie: Quentin Lawrence )

Kritik: Der weiße Nebel nähert sich vom Meer kommend unaufhaltsam der kalifornischen Küstenstadt Antonio Bay, und er führt grauenhafte Passagiere mit sich: halbverweste Leichen, die sich an den Einwohnern der Stadt für in der Vergangenheit begangenes Unrecht rächen wollen. Das ist die Situation in John Carpenters Horrorfilmklassiker „The Fog – Nebel des Grauens“ (1980). Ähnlich ist die bedrohliche Ausgangslage im Science-Fiction-Film „Die Teufelswolke von Monteville“ aus dem Jahr 1958. Hier ist es eine radioaktive Wolke, die am Berg Monteville in der Nähe des Alpenortes Trollenberg festhängt. Auch sie führt Passagiere mit sich, außerirdische Monster, die die Erde erobern wollen. Die Ähnlichkeit zwischen beiden Filmen ist nicht zufällig. John Carpenter hat „Die Teufelswolke von Monteville“ mehrmals gesehen, der Film von Quentin Lawrence war in seiner Jugend einer seiner Lieblingsfilme. Und Carpenter gibt im Audiokommentar zum Film offen zu, dass er bei „The Fog“ von dem älteren Film inspiriert worden ist.

Der Science-Fiction-Film als Seismograf für kollektive Ängste erlebte in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen regelrechten Boom. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Erfahrung des Atombombenabwurfs auf japanische Städte dominierten im Kontext von Korea-Krieg und Kaltem Krieg in den westlichen Ländern vor allem zwei Ängste: die vor der Bedrohung durch Radioaktivität (Atombombe) und die vor einer kommunistischen Invasion. Der Science-Fiction-Film mit seinen Themenbereichen Monster, Mutationen und Invasionen bot den Zuschauern die Gelegenheit, Ängste und Situationen, die den realpolitischen sehr ähnlich waren, im Kinosaal oder im Autokino lustvoll zu erleben und zu überleben. Diese kathartische Wirkung ist sicher mit ein Grund dafür, dass die Filme in der damaligen Zeit auf so große Resonanz stießen, obwohl sie in der großen Mehrheit eher schlecht und billig gemacht waren. Monster wurden durch Atombombenexplosionen erweckt („Panik in New York“, 1953) oder waren Ergebnis von Mutationen, die durch den Einfluss radioaktiver Strahlen entstanden sind („Formicula“, 1954). Außerirdische hatten nichts anderes im Sinn, als die Menschheit zu vernichten („Kampf der Welten“, 1953) oder die Körper der Menschen zu übernehmen („Die Dämonischen“, 1956). Nicht selten wurden bei den Filmen die Genres Science-Fiction und Horror vermischt. Auch die „Teufelswolke von Monteville“ ist eine dieser Low-Budget-Produktionen, die damals wie Atompilze aus dem Boden schossen. Der Film ist dem Science-Fiction-Genre zuzurechnen, enthält aber auch Topoi des typischen Horrorfilms (abgerissene Köpfe, lebende Tote).

Der Film beginnt mit einer Szene in den Schweizer Alpen. Einer von drei Bergsteigern trifft auf etwas Unheimliches, man sieht ihn nicht, sondern hört nur seine Stimme. Dann stürzt der mit einem Seil gesicherte Bergsteiger ab und wird von seinen zwei Begleitern wieder nach oben gezogen. Die müssen entsetzt feststellen, dass ihrem Mitkletterer der Kopf fehlt. Da dies offensichtlich nicht der erste Zwischenfall dieser Art war, begibt sich der amerikanische Wissenschaftler Alan Brooks, der für die UNO arbeitet, nach Trollenberg, um der Sache auf den Grund zu gehen. Im Zug trifft er auf zwei Frauen, die als Varietékünstlerinnen durchs Land ziehen. Eine von beiden ist hellseherisch begabt und besteht darauf, außerplanmäßig in Trollenberg auszusteigen. Sie fühlt sich auf eine verstörende Art vom Berg angezogen. Im weiteren Verlauf der Ereignisse wird den Protagonisten schnell klar, dass alles Übel von der Wolke ausgeht. Noch dazu versuchen einige Opfer der „Wolke“, lebende, ferngesteuerte Tote, die Hellseherin zu töten. Dann fängt die Wolke an sich zu bewegen. Sie wandert auf den Ort Trollenberg zu. In der Wolke befinden sich glubschäugige Monster mit Tentakeln, die es auf die Menschen abgesehen haben...

Man sieht dem Film sein niedriges Budget an. Wackelnde Bergkulissen, das immer gleiche Matte-Painting vom Berg Monteville, das in nahezu jeder Szene den Hintergrund bildet, und ein äußerst übersichtliches Setting lassen die beschränkten finanziellen Möglichkeiten der Produzenten erahnen. Und dass der Film aus einer Mini-Serie für das britische Fernsehen hervorgegangen ist, kann er leider auch nicht verhehlen. Es oblag der Drehbuch-Legende Jimmy Sangster, der durch seine zahlreichen Arbeiten für die Hammer-Studios bekannt geworden ist, den Serienstoff zu einem Kinofilm umzuarbeiten. Was ihm aber nur zum Teil wirklich gelang. Der Film zeichnet sich durch eher unterentwickelte Figuren und nicht ausgereizte Charaktere aus (Reporter, Hellseherin). Vieles, wie der Vorfall in den Anden, bleibt nur nebulöse Andeutung, und Handlungsweise und Motivation einiger Figuren sind rätselhaft bis unlogisch. Eines kann man dem Film aber nicht absprechen: den für billig und schnell produzierte Science-Fiction-Filme der 50er-Jahre typischen Charme. „Die Teufelswolke von Monteville“ unterhält auf wunderbare Weise, auch heute noch. Produktionsteam und Schauspieler gaben sich die größte Mühe, einen Invasionsfilm zu drehen, der ernstgenommen werden will. Meine persönlichen Highlights des Films sind die Szenen gegen Ende, als die Monster ihren Auftritt haben. Hier sehen wir Bilder, die wahrhaft im Gedächtnis bleiben.

Bewertung: (5,5/10)

Samstag, 1. März 2014

Gravity


Gravity (OT: Gravity, USA/GB 2013, Regie: Alfonso Cuarón)

Kritik: Astronauten einer Space-Shuttle-Mission führen Außenarbeiten am Hubble-Weltraumteleskop durch. Unter den Astronauten sind Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock), für die es der erste Flug ist, und Matt Kowalski (George Clooney), für den es der letzte Einsatz ist. Dann kommt ein Funkspruch von der Bodenstation, in dem vor herumfliegenden Teilen eines zerstörten russischen Satelliten gewarnt wird. Die Astronauten brechen ihre Mission sofort ab, aber es ist zu spät. Trümmer des Satelliten schlagen am Ort des Geschehens ein und töten drei der fünf Astronauten. Nur Stone und Kowalski überleben. Sie treiben im Ozean des Nichts dahin, menschliches Treibgut, unbedeutend und klein. „Open Water“ im Weltenraum. Weiße Punkte vor schwarzem Hintergrund. Die Unendlichkeit und den Tod vor Augen. Ihre einzige Überlebenschance besteht darin, eine Raumstation mit Raumkapsel zu finden, die sie zurückbringt zu Mutter Erde. Doch das Unterfangen scheint aussichtslos, denn der Sauerstoff in ihren Raumanzügen wird knapp ebenso wie der Sprit für den Düsenrucksack Kowalskis, der es ihnen ermöglicht, im Weltraum zu navigieren. Wie mit einer Nabelschnur verbunden, versuchen sie ihr Ziel zu erreichen.

„Gravity“ ist (fast) ein Ein-Personen-Stück. Sandra Bullock, die für ihre Leistung zu Recht für den Oscar nominiert worden ist, trägt den Film ganz allein. Sie spielt ihre Rolle mit Inbrunst und Glaubwürdigkeit. Als zum Teil in Unterwäsche um ihr Überleben kämpfende Frau erinnert sie an Sigourney Weaver in „Alien“. Regisseur Alfonso Cuarón gelingt es, aus einer minimalistischen Story einen überwältigenden Hardcore-Science-Fiction-Film mit menschlichem Antlitz und Kultfaktor zu machen, der nie langweilig wird. Bilder voller Erhabenheit von der Erde und dem bedrohlichen, endlosen Weltraum fesseln den Betrachter ebenso wie die Actionsequenzen mit ihren gelungenen visuellen Effekten, in denen die umherfliegenden Teile eines russischen Satelliten den Protagonisten das Leben schwer machen. Und das Ende des Films mit seinen Bildern, Einstellungen und Anspielungen ist einfach grandios. Die Möglichkeiten des Kinos im 21. Jahrhundert, das zeigt Alfonso Cuarón mit seinem Film deutlich, gehen weit darüber hinaus, epochale Schlachtenbilder im Fantasyreich zu kreieren oder Häuserblocks und Städte in Schutt und Asche zu legen. „Gravity“ ist ein zutiefst philosophischer Film, der im Subtext u.a. die Themen Leben und Tod, Anfang und Ende diskutiert. Ähnlich wie „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968) beschäftigt sich „Gravity“ mit der vermeintlich unbedeutenden Rolle des Menschen in einem unendlichen Universum und transportiert seine Botschaft mit eindringlichen, poetischen Bildern. Nahezu jede Einstellung des Films ist auf ihre Art visuell überwältigend und brennt sich dem Gedächtnis ein. Ein absolut empfehlenswerter Film mit Potenzial zum Klassiker.

Bewertung: (9/10)


Dienstag, 25. Februar 2014

Der erste Horrorfilm von Jess Franco und Spaniens erster echter Beitrag zum Horrorgenre



Der schreckliche Dr. Orloff (OT: Gritos en la Noche/L'horrible Dr. Orlof, AT: Schreie durch die Nacht, Spanien/Frankreich 1961, SW, Regie: Jesús Franco)

Kritik: Der wahnsinnige Dr. Orloff ist davon besessen, seiner Tochter, die bei einem Brand im Labor grauenhaft entstellt worden ist, ein neues Gesicht zu verschaffen und ihre ehemalige Schönheit wiederherzustellen. Dazu entführt er mit seinem taubstummen und blinden Diener Morpho junge Prostituierte und Sängerinnen, die er ermordet und als Übungsobjekte für seine Transplantationsversuche hernimmt. Der junge Inspektor Tanner soll das Verschwinden der Mädchen aufklären, Presse und Vorgesetzter erwarten rasche Erfolge. Wanda, die Verlobte des Inspektors, versucht auf eigene Faust, den Fall zu klären. Als „schamloses Mädchen“ verkleidet, begibt sie sich ins Nachtleben. Da sie Dr. Orloffs Tochter sehr ähnlich sieht, dauert es nicht lange, bis sie dem Wahnsinnigen auf- und in die Hände fällt...

Die Handlung erinnert stark an den 1976 produzierten Film JACK THE RIPPER – DER DIRNENMÖRDER VON LONDON mit Klaus Kinski in der Rolle des Dr. Orloff. Regie führte bei dem Film ebenfalls Jesús (Jess) Franco. Und in der Tat wurde für JACK THE RIPPER das Drehbuch von DER SCHRECKLICHE DR. ORLOFF als Vorlage verwendet. Mit eigentlich nur einer Änderung: Das Transplantationsmotiv wurde hier weggelassen, Klaus Kinski spielt einen frauenhassenden Serienkiller. Einfluss auf die Entstehung von DER SCHRECKLICHE DR. ORLOFF hatten sicher zwei Filme, in denen ebenfalls Mad Scientists junge Frauen umbringen, um ihre Töchter zu retten: der 1960 produzierte französische Film AUGEN OHNE GESICHT von Georges Franju (OT: LES YEUX SANS VISAGE, AT: DAS SCHRECKENSHAUS DES DR. RASANOFF) mit einer ganz ähnlichen Thematik und DIE MÜHLE DER VERSTEINERTEN FRAUEN von Giorgio Ferroni (mit Pierre Brice in einer Hauptrolle) aus demselben Jahr. Jess Franco hat in seinem Film aber nicht einfach abgekupfert, sondern zeigt hier schon Ansätze eines eigenen Stils. DER SCHRECKLICHE DR. ORLOFF ist spannend erzählt, allerdings mit einigen zu lang geratenen Dialogszenen, die eher an „Derrick“ und die guten alten Edgar-Wallace-Filme erinnern. Einige stimmungsvolle Nacht-Aufnahmen bei Regen und Einstellungen im Schloss erinnern atmosphärisch an die Universal-Klassiker der 30er-Jahre. Und besonders versiert zeigt sich Franco hier bereits im Umgang mit Licht und Schatten.

Die Auswahl der Schauspieler und deren Leistungen sind durchgehend gut, besonders Howard Vernon als Dr. Orloff und Ricardo Valle als sein Diener Morpho sind ein gruseliges Duo. Francos Vorliebe für das Schöne, das Verrucht-Weibliche, wird in vielen Einstellungen des Films schon deutlich. Sowohl bei Nahaufnahmen der hübschen Wanda als auch bei der Inszenierung der Nachtclubszenen. Was die Operationsszenen angeht, hält sich Franco im Vergleich zu Franjus AUGEN OHNE GESICHT dezent zurück. Der Spanier lässt es hier bei Andeutungen. Wer Jess Franco bisher nur als Billig- und Schnellfilmer von Frauengefängnisfilmen und sexuell aufgeladenen, zum Teil surrealistischen Horrorfilmen kennt und ihn deswegen ablehnt (andere verehren ihn dafür), sollte sich sein Frühwerk DER SCHRECKLICHE DR. ORLOFF durchaus mal antun. Man lernt den Spanier so von einer etwas anderen Seite kennen. 

Gleich aus zwei Gründen ist DER SCHRECKLICHE DR. ORLOFF auch filmhistorisch bedeutsam. Es handelt sich um den ersten Horrorfilm von Jess Franco und um den ersten echten spanischen Beitrag zum Horrorgenre. Eine gemäßigte Liberalisierung des Regimes Anfang der 60er-Jahre ermöglichte es Jess Franco, sich diesem in Diktaturen eigenartigerweise stets ungeliebten Genre zu widmen. Offensichtlich mögen Diktatoren das Horrorgenre nicht, da es letztendlich immer auf extreme Weise die postulierte schöne heile Welt negiert. Die Figur des Dr. Orloff erhielt übrigens einige offizielle und inoffizielle Fortsetzungen. Der Film steht somit am Anfang einer hervorragenden spanischen Horrorfilmtradition, die sich über „reitende Leichen“ hinweg bis in die Gegenwart hinein immer auch dadurch auszeichnete, besonders atmosphärische Bilder und Stimmungen zu kreieren.

DER SCHRECKLICHE DR. ORLOFF wurde wohl niemals im deutschsprachigen Raum gezeigt, und so existiert auch keine deutsche Tonspur. Bei der vorliegenden Fassung handelt es sich um die internationale englischsprachige Langfassung, einige wenige Szenen sind auf Spanisch. Der gesamte Film ist deutsch untertitelt.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Morphos Gesicht // entstellte Tochter // Bootsfahrt mit Sarg

Bewertung: (6,5/10)