Sonntag, 27. Juli 2014

Der unheimliche Gast


Der unheimliche Gast (OT: The Uninvited, USA 1944, Regie: Lewis Allen, SW)

Kritik: Für Regie-Ass und Horrorfilm-Produzent Guillermo del Toro (u.a. „The Devil's Backbone“, 2001, „Pans Labyrinth“, 2006) zählt „Der unheimliche Gast“ zu den Filmen, die ihn am stärksten erschreckt haben. Und auch Martin Scorsese führt den Film in seiner Liste der „11 Scariest Horror Movies Of All Time“. Im Film „Poltergeist“ (1982) findet sich mit dem Zitat „Mmh, smell the Mimosa“ eine direkte Anspielung auf den Vorläufer. Diese Fakten allein, die Frank Arnold im beiliegenden Booklet zusammengetragen hat, verweisen schon auf die filmhistorische Bedeutung und den in Kennerkreisen hohen Bekanntheitsgrad des Films.

In „Der unheimliche Gast“ geht es um ein Geschwisterpaar, das ein altes Haus an der englischen Küste erwirbt. Schnell stellt sich heraus, dass es in dem alten Gemäuer spukt. Der geisterhafte Horror, der sich allmählich entspinnt, ist eng mit der Geschichte der Enkelin des Vorbesitzers verbunden, die Kontakt zu den neuen Besitzern des Hauses aufnimmt. Thema, Dramaturgie und Erzählweise von „Der unheimliche Gast“ bilden quasi das Grundmodell, an dem sich alle späteren Haunted-House-Filme (Geisterhausfilm, Spukhausfilm) mehr oder weniger orientierten. Ganz langsam steigert sich die düstere Atmosphäre. Am Anfang ist es ein Hund, der sich weigert, in die oberen Stockwerke des Hauses zu gehen, dann sind es Seiten eines Buches, die sich wie von Geisterhand umblättern, und Türen, die sich von selbst bewegen. Fremdartige Geräusche und Geisterstimmen in der Nacht fehlen nicht, und gruselige Höhepunkte sind die Szenen, in denen sich die Geister aus einem plötzlich aufkommenden Nebel heraus materialisieren und für die Protagonisten und den Zuschauer sichtbar und bedrohlich werden. Diese Sequenzen wurden in Großbritannien übrigens von der Zensur entfernt, weil man glaubte, sie seien für den Zuschauer zu angsteinflößend. In der Tat galt in Großbritannien während des Zweiten Weltkriegs nahezu ein Horrorfilmverbot. Zu nah und real waren die alltäglichen Schrecken des Krieges.

Die hervorragende Schwarz-Weiß-Fotografie des Kameramanns Charles Lang brachte dem Film sogar eine Oscarnominierung in der Kategorie „Beste Kamera in einem Schwarz-Weiß-Film“ ein. Langs gekonnter Umgang mit Licht und Schatten gibt dem Film eine zeitweise besonders düstere Stimmung und dürfte auch der Hauptgrund dafür gewesen sein, dass „Der unheimliche Gast“ in die Reihe „Film Noir“ aufgenommen wurde. Das war nicht unbedingt zu erwarten und vermarkterisch vielleicht auch nicht ganz klug, denn Film Noir definiert sich für viele nicht nur filmästhetisch und stilistisch, sondern auch thematisch. Unter einem Film Noir stellt sich die große Mehrheit eben immer noch einen Film vor, in dem es um die Aufklärung eines Kriminalfalls geht, in dem ein abgehalfterter Privatdetektiv einen Auftrag von einer meist sehr schönen und geheimnisvollen Femme fatale erhält etc. Vorstellbar, dass Fans des phantastischen Films, denen der Titel „Der unheimliche Gast“ bzw. „The Uninvited“ nichts sagt, bei Film Noir einfach weitergehen/weiterklicken und so einen Film verpassen, der ihnen eigentlich zugesagt hätte.

„Der unheimliche Gast“ ist ein atmosphärisch dichter Grusler mit einigen wenigen humoristischen Elementen. Dem heutigen, Splatter- und Torture-Porn-Filme schauenden Gorehound kann der Schwarz-Weiß-Film aus dem Jahr 1944 natürlich keine Schrecken mehr einjagen. Und wer ausschließlich auf Blut und Gedärme steht, der sollte die Finger von diesem Spukhaus-Klassiker lassen. Wer sich jedoch an wohligem Schauer, wenigen und gemäßigten Schreckmomenten und schöner, düsterer Schwarz-Weiß-Fotografie delektieren kann, der sollte zugreifen. Und auch filmbildungstechnisch lohnt dieser Ghost-Trip zu den Anfängen des Subgenres der Haunted-House-Filme. „Der unheimliche Gast“ bildet das Grundmodell des typischen Geisterhausfilms und steht am Beginn einer langen Tradition von Filmen wie „Schloss des Schreckens“ (1961), „Bis das Blut gefriert“ (1963), „Amityville Horror“ (1979), „Shining“ (1980), „Poltergeist“ (1982) etc.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Materialisation der Geister aus dem Nebel

Bewertung: 7/10

Montag, 21. April 2014

Faszinierende Verfilmung von Alfred Kubins phantastischem Roman "Die andere Seite" (1909)


Alle Rechte an Fotos und Grafiken bei © Filmjuwelen/ALIVE



Traumstadt (Deutschland 1973, Regie: Johannes Schaaf)

Kritik: Stellen Sie sich vor, Sie seien ein mehr oder weniger erfolgreicher Künstler in München, Anfang der 70er-Jahre, verheiratet, und während Sie so durch die Stadt schlendern, merken Sie, dass Sie von einem Mann verfolgt werden. Dieser gibt sich irgendwann als Agent eines gewissen Klaus Patera zu erkennen, mit dem Sie zusammen auf die Schule gegangen sind. Dieser Klaus Patera sei, so erzählt der Agent, zu unermesslichem Reichtum gekommen und habe an einem geheimen Ort irgendwo im fernen Asien eine Traumstadt gegründet. Dort herrsche absolute Freiheit, es gebe keinerlei materielle Not und jeder könne sich dort selbst verwirklichen und nach seiner Façon selig werden. Klaus Patera lade Sie und Ihre Frau ein, in seiner Traumstadt zu leben.

Das ist die Ausgangssituation des Films „Traumstadt“ von Johannes Schaaf. Der Film basiert auf dem phantastischen Roman „Die andere Seite“ (1909) von Alfred Kubin. Personen, Handlungsgerüst und einige Motive wurden direkt aus dem Roman übernommen, die Handlung spielt jedoch in der Gegenwart. Nach nur kurzem Zögern, ein Scheck über 100000 DM für die Reise zerstreut die letzten Zweifel, entschließen sich der Künstler Florian Sand (Per Oscarsson) und seine Frau Anna (Rosemarie Fendel), der Einladung zu folgen. Schon die Reise in die Traumstadt ist voller Symbolik. Die erste Etappe wird in einer Lufthansamaschine zurückgelegt, dann folgt ein Flug in einem alten Kleinflugzeug, anschließend werden Wegstrecken mit dem Auto und auf einem Kamel zurückgelegt. Das letzte Stück müssen Florian Sand und seine Anna zu Fuß gehen. Irgendwann treffen sie auf einen kleinwüchsigen Diener Klaus Pateras, der sie zu einer Kutsche führt, Assoziationen an phantastische Vampirgeschichten werden hier geweckt, mit der sie die letzte Wegstrecke zurücklegen.

Die Reise in die Traumstadt erweist sich, was die Verkehrsmittel betrifft, als eine Reise in die Vergangenheit. Dabei bleibt noch offen, ob diese Reise in die Vergangenheit die Protagonisten in ein natürliches, ursprüngliches Paradies führt oder ob es nicht doch eher eine Reise zurück in Anarchie und Chaos ist, eine Reise in Wildheit und Barbarei. In der Traumstadt angekommen, werden die beiden noch einmal darauf hingewiesen, dass dort sämtliche Wünsche ausgelebt werden dürften. Es gebe nur ein Gesetz: der totale Respekt vor der Individualität des anderen. Am Anfang scheint alles gut zu laufen. Das Paar sucht sich eine Wohnung, und die Kleider in den Schränken haben schon die passende Größe. Im Restaurant bringt man ihnen genau das Gericht, das sie gerade bestellen wollten. Alles scheint gut. Dennoch entwickelt sich von Anfang an ein zwiespältiges Gefühl beim Zuschauer. Die Menschenmenge, die die Neuankömmlinge begrüßt, ist merkwürdig melancholisch und apathisch. Wirklich fröhliche, ausgelassene Menschen gibt es dort kaum. Das Leben in der Traumstadt gestaltet sich für Florian Sand und seine Frau zunehmend kafkaesk. Der Versuch, eine Besuchserlaubnis für den Schulfreund Klaus Patera zu bekommen, scheitert an der Verrücktheit des Verwaltungsapparates. Bei einem Theaterbesuch müssen die Neuankömmlinge feststellen, dass es keine Zuschauer, sondern nur Akteure gibt, was zu einer schrecklichen Kakofonie und einem Chaos auf der Bühne führt, weil jeder Darsteller sein eigenes Ding macht. In einer anderen Sequenz mauert ein Mann ein Fenster zu, „weil er Lust dazu hat“.

Die Frage Paradies oder Chaos ist schnell entschieden. Die Bewohner der Traumstadt werden zunehmend zügellos, gewalttätig und gehen ihren Perversionen nach. Es herrschen Revolution und Chaos, und auch die maroden Gebäude der Stadt fallen in sich zusammen. Ein resignierter alter Mann bringt die Aussage des Films auf den Punkt: „Der Mensch ist nicht geschaffen, Freiheit zu ertragen.“ Regisseur Johannes Schaaf zelebriert den Untergang der Traumstadt gegen Ende des Films ausführlich und wird damit weitgehend dem Roman gerecht, der sich nach der ersten Hälfte nur noch mit der Beschreibung des Untergangs des Traumreiches beschäftigt. Explosionen, ein- und umstürzende Gebäude und Bäume dürften einen Großteil des Budgets verschlungen haben. Dass die Dreharbeiten in einer mittelalterlich anmutenden, maroden tschechischen Stadt stattfanden, die anschließend geflutet werden sollte, kam den Aufnahmen zugute. Hier konnten sich die Filmmacher so richtig austoben. Nicht austoben konnten sie sich bei den sonstigen Dreharbeiten, denn die Beamten des damals kommunistischen Staates CSSR machten es dem Regisseur Johannes Schaaf nicht gerade leicht, wie er im Interview, das sich ebenfalls auf der DVD befindet, erzählt. Sie haben anfangs sogar gedacht, dass der Film eine Verhohnepipelung des Kommunismus sei.

Trotzdem ist es irgendwie gelungen, das Projekt noch zu Ende zu bringen. Herausgekommen ist ein beeindruckender Film, der für sich zwar sehr gut funktioniert. Dass die Produzenten den Regisseur damals jedoch dazu nötigten, dreieinhalb Stunden Filmmaterial auf circa zwei Stunden herunterzukürzen, hat dem Film sicher nicht gutgetan. Das Material ist nicht mehr vorhanden, ein Director's Cut also nicht mehr möglich, was Johannes Schaaf heute bedauert. Vieles bleibt daher Andeutung oder zusammenhangloses Stückwerk, das man, ohne den Roman gelesen zu haben, nicht wirklich versteht („Uhrbann“), die Geschichte wird zu schnell erzählt. Der langsame Niedergang der Sitten der Einwohner und der Verfall der Substanz der Gebäude, das langsame Entstehen einer revolutionären Stimmung und einiges anderes können mit den zeitlich begrenzten Möglichkeiten des Mediums Film einfach nicht dargestellt werden. Zahlreiche phantastische Elemente des Romans, der lange als unverfilmbar galt, wurden ebenfalls fast völlig außen vor gelassen. Eine Verfilmung mit den heutigen technischen Möglichkeiten wäre sicher eine reizvolle Aufgabe.

Löst man sich in seiner Bewertung jedoch vom Vergleich mit dem Roman, dann bleibt ein doch recht beeindruckendes Werk deutscher Filmgeschichte. Regisseur Schaaf hat einige wunderbare Bilder geschaffen wie das Pferd, das auf seinem Rücken sterbende Menschen transportiert, die Statue, die sich plötzlich bewegt, und viele andere. Überhaupt korrespondiert die Bildsprache von Johannes Schaaf wunderbar mit der utopiekritischen Aussage des Romans. Alles funktioniert irgendwie rückwärts, symbolisiert Rückschritt. Angefangen von der Anreise am Anfang des Films bis zu den Bewohnern, die am Ende wieder in Zelten hausen und aufeinander losgehen wie Neandertaler. Oder die wunderbar in Szene gesetzte Inversion der symbolischen Bedeutung des Eies, das normalerweise für beginnendes Leben steht. In der Traumstadt werden sterbenskranke Menschen in Eierschalen liegend an einem Baum aufgehängt, wo sie in ihren weißen Särgen den Tod erwarten.  

„Traumstadt“ ist eine gelungene Mixtur aus realistischer Darstellungsweise, zum Teil surrealen Bildern und einer phantastischen Geschichte über einen Gesellschaftsentwurf, der Utopie anstrebt und doch im Chaos endet. Der Film, dessen beeindruckende Bilder vielen, die ihn in den 70er-Jahren sahen, noch im Gedächtnis geblieben sein dürften, ist endlich auf DVD erschienen, noch dazu in einer wunderschönen Edition. Nach über 40 Jahren kann man sich dieses Filmjuwel wieder anschauen! Ein großer Dank dem herausgebenden Label, das damit wieder einmal gezeigt hat, dass es sie sehr wohl gibt, „die andere Seite“ des Deutschen Films, der heutzutage leider durch einseitige Filmförderung von seichten bis albernen Komödien und Zweite-Weltkriegs-Dramen dominiert wird.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Gnom auf der Kutsche // Theateraufführung //  sterbende Menschen in Eierschalen am Baum // Statue // Fenster wird zugemauert // nackte Olimpia

Bewertung: (8/10)


Sonntag, 30. März 2014

Aelita – Der Flug zum Mars


Aelita - Der Flug zum Mars (OT: Aelita, Sowjetunion 1924, Regie: Jakov Protasanov, SW)

Kritik: Der 1924 in der Sowjetunion erschienene Stummfilm „Aelita“ erzählt die Geschichte des Ingenieurs Losj gegen Ende der russischen Bürgerkriegszeit um 1921. Der Film besteht im Grunde aus zwei Handlungssträngen. Im ersten wird der von Elend und Armut bestimmte Moskauer Alltag gezeigt. Losj' Frau Natascha arbeitet am Kursker Bahnhof, der damals gleichzeitig ein Hospital und Durchgangsstation für Flüchtlinge, Deportierte und andere Kriegsopfer war. Wir lernen den korrupten Beamten Erlich kennen und noch einige andere Personen, die zum Teil von den guten alten Zeiten schwärmen. Der zweite Handlungsstrang besteht aus der Mars-Thematik. Gleich zu Beginn des Films erhalten Radiostationen in ganz Europa Signale mit den undechiffrierbaren Worten „Anta Odeli Uta“. Ingenieur Losj befasst sich näher mit den Signalen und vermutet, dass sie vom Mars kommen. Doch die Bedeutung der Worte kann auch er nicht entschlüsseln.

Er flüchtet sich aber von nun an zunehmend in Tagträume, in denen er Visionen vom Leben auf dem Mars hat. Er entwickelt unter anderem Pläne für den Bau einer Rakete. Die beiden Handlungsstränge werden zusammengeführt, als Losj im Eifersuchtswahn seine Frau erschießt. Er flieht an den Stadtrand von Moskau, wo er in eine Rakete steigt und zum Mars fliegt. Begleitet wird er von dem Rotarmisten Gussev, den die Tatenlosigkeit nach den Revolutionskriegen und seine Ehe langweilen, und einem Detektiv, der sich auf die Fersen des vermeintlichen Mörders gemacht hat und kurz vor dem Start in die Rakete gelangt ist. Auf dem Mars herrscht eine Art totalitäres Regime, Arbeitssklaven, die gerade nicht benötigt werden, lagert man dort eingefroren in Kühlhäusern. Losj verliebt sich in Aelita, die Königin vom Mars, während der Rotarmist eine Revolution anzettelt. Losj tötet Aelita später, weil diese sich zwar am Anfang auf die Seite der Aufständischen stellte, sich letztendlich aber doch als unverbesserliche Tyrannin entpuppte, die, um in realpolitischen Termini zu sprechen, nicht bereit war, den Schritt von der bürgerlichen (Marseillaise-Musik!) zur proletarischen Revolution zu vollziehen, sondern die Arbeiter weiterhin versklaven wollte. Als Losj auf der Erde aus seinen Tagträumen erwacht, entdeckt er, dass die Worte „ Anta Odeli Uta“ nichts anderes waren als Reklame für eine Handelsmarke. Es stellt sich heraus, dass er seine Frau nicht erschossen hat. Losj verbrennt seine Konstruktionsunterlagen für eine Rakete mit den Worten: „Genug geträumt, uns alle erwartet eine andere, richtige Arbeit.“ Mit diesem symbolischen Abschied von seinen phantastischen Tagträumereien endet der Film. Das Leben in Moskau ist nicht mehr so chaotisch wie am Anfang, Natascha arbeitet nun in einem Kinderheim und auch gegen die Korruption wurde etwas unternommen (der korrupte Beamte Erlich wurde festgenommen). Ein kommunistisches Happy End.

Der Film basiert auf der Novelle „Aelita“ von Alexej Tolstoi (1883-1945). Tolstoi, der bei Ausbruch der Oktoberrevolution den Zielen und Bestrebungen der neuen Machthaber eher kritisch gegenüberstand, hatte seine Heimat verlassen und war nach Westeuropa emigriert. Doch enttäuscht von den Zuständen im Westen, der antisowjetischen Haltung vieler Emigranten und getrieben von der Sehnsucht nach der Heimat, fasste er den Entschluss, nach Russland zurückzukehren. In der sowjetischen Botschaft in Berlin verfasste er 1921 den Marsroman „Aelita“. Der Regisseur des Films, Jakov Protasanov, teilte ein ähnliches Schicksal. Auch er war zunächst aus Russland emigriert (1918), kehrte aber 1922 in die Sowjetunion zurück. Das Thema Emigration kommt auch in dem Film selbst vor.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Protasanov im Westen „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) gesehen hat. Die Kulissen auf dem Mars erinnern an die expressionistischen Kulissen des Films von Robert Wiene, ergänzt durch eine Melange aus Bauhaus, Kubismus und russischem Konstruktivismus. Auch die ausgefeilten Werbestrategien für beide Filme weisen Parallelen auf. Mit den Worten „Du musst Caligari werden!“, die auf Werbeplakaten, Transparenten und Zeitschriften in ganz Berlin zu lesen waren, ohne dass zu dem Zeitpunkt für die Bevölkerung klar war, worum es sich eigentlich handelte, wurde für den Film von Robert Wiene geschickt Werbung gemacht. „Aelita“ wurde Ende September 1924 im Moskauer Kino Ars (heute Stanislawski-Theater) uraufgeführt. Die Werbung für den Film setzte schon ein halbes Jahr vorher ein. Seit dem 26. Februar druckte die Zeitschrift Kinogazeta die Worte „Anta Odeli Uta“ ohne weitergehende Erläuterungen ab. Ausgabe für Ausgabe. Diese Worte begegneten den Zeitgenossen bis kurz vor der Uraufführung immer wieder, auf Plakaten, Zaunwänden oder Transparenten, die quer über Straßen gespannt waren. Ab April wurden die drei Worte bisweilen ergänzt durch den Satz: „Seit einiger Zeit empfangen Radiostationen auf der ganzen Welt unbekannte Signale...“ Kurz vor der Uraufführung druckte die Kinogazeta einen Text, der darüber informierte, dass die Signale nun entschlüsselt seien. Die Auflösung gäbe es im Kino Ars zu sehen. Kein Wunder, dass die erste Science-Fiction-Großproduktion der Sowjetunion, das teuerste Projekt des noch jungen sowjetischen Films, ein Megaerfolg wurde. Der weibliche Vorname Aelita soll sogar bei jungen Eltern nach 1924 besonders beliebt gewesen sein.

Sowohl Roman als auch Film sind ein offenes Bekenntnis zu den Zielen der Revolution und enthalten in dem Sinne Elemente von Propaganda, allerdings noch nicht so dogmatisch und schematisiert wie ab Anfang der 30er-Jahre (sozialistischer Realismus). Rückblenden auf die gute alte Zeit, in der der Wein noch nicht sauer schmeckte und Ordnung herrschte, enthalten deutliche Seitenhiebe auf die im vorrevolutionären Russland herrschende soziale Ungleichheit: Ein Mensch muss dem anderen die Schuhe putzen, eine Gruppe auf dem Bürgersteig wird genötigt stehen zu bleiben, weil Mitglieder der feinen Gesellschaft den Weg kreuzen. Realistisch wird im Film aber auch der nachrevolutionäre Alltag gezeigt, der geprägt ist von Lebensmittelkarten, Wohnungsnot, Korruption und Spekulation sowie illegal veranstalteten Bällen für eine ausgesuchte Gesellschaft.

Die Bedeutung des Films ist, ähnlich wie sein Inhalt, auf zwei Ebenen angesiedelt. „Aelita“ ist ein wertvolles Zeitdokument und ein sehr genaues Alltagsporträt Moskaus zur Zeit der „liberalen“ Neuen Ökonomischen Politik. Protasanov, der gerne Spielfilmszenen mit dokumentarischen Aufnahmen verband, zeigt uns auch hier zahlreiche authentische Aufnahmen von Originalschauplätzen mit Statisten aus dem einfachen Volk. Unter anderem sind Bilder einer Demonstration auf dem Roten Platz (ohne Lenin-Mausoleum) zu sehen. Das Minin-und-Poscharski-Denkmal steht dabei noch im Zentrum des Roten Platzes und nicht wie heute vor der Basilius-Kathedrale, und der Rote Platz selbst ist noch nahezu unbefestigt, mit Gras und Stroh bedeckt. Wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ ist auch „Aelita“ ein Schlüsselfilm seiner Zeit, in dem sich Historie und Entstehungsbedingungen gleich mehrfach spiegeln (Kunst, Politik, Film). „Aelita“ erzählt die Geschichte seiner Zeit und von Helden, die sich von ihrer Vergangenheit trennen und die neue Wirklichkeit akzeptieren. Phantastische Träumereien werden verworfen, stattdessen gilt es, sich an die wirklich wichtige Arbeit zu machen, den Aufbau einer Utopie auf Erden. Filmhistorisch bedeutsam ist „Aelita“, weil es sich um einen der ersten Langfilme des Science-Fiction-Genres überhaupt handelt und er mit seinen Dekors und Kostümen die Vorstellung von futuristischen Gesellschaften prägte. Allein wenn man sich die Folgen der einflussreichen amerikanischen „Flash Gordon“-Serie aus den dreißiger Jahren anschaut, wird man zahlreiche Ähnlichkeiten entdecken können. Und glaubt man dem Eintrag in der russischsprachigen Wikipedia, dann wurde auch einer der Väter der sowjetischen Kosmonautik, der Raketenkonstrukteur Boris Tschertok (1912-2011), in seiner Biografie wesentlich von dem Film „Aelita“ beeinflusst, weil er in ihm das Interesse für Radiotechnologie, Fliegerei und Raumfahrt weckte.

„Aelita“ ist ein Stummfilmklassiker und ein Meilenstein des Science-Fiction-Genres. Einer von den Filmen, bei denen man froh sein kann, dass sie der Nachwelt erhalten geblieben sind. Denn einige Jahre später kam der Film in der Sowjetunion auf die Liste der verbotenen Werke. Das änderte sich erst mit Ende des Kalten Krieges gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Die Schwäche des Films, die allzu offensiv verkündete ideologische Botschaft, wird allemal wettgemacht durch seine filmästhetischen Vorzüge. Er überzeugt durch seine dokumentarischen Aufnahmen und die überraschend genaue Darstellung des zeitgenössischen Moskau einerseits, andererseits durch seine wegweisenden phantastischen Bilder und Kulissen vom Mars. Diese stilistische Dichotomie von Realismus und Phantastik gibt dem Film einen ganz besonderen Reiz. Darüber hinaus sind die schauspielerischen Leistungen grandios. Der Regisseur verpflichtete in erster Linie erfahrene Theaterschauspieler, und um eine Schönheit für die Rolle der Aelita zu finden, führte Protasanov ein mehrere Tage dauerndes Casting durch. Unzählige Anwärterinnen sollen sich für die Rolle der Marskönigin beworben haben, die letztendlich an die junge Schauspielerin Julia Solnzewa vergeben wurde.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Parade auf dem Roten Platz // Aelita // Marsarbeiter auf Fließband // Marsianer schauen durch Teleskop // Marskulissen // Revolution auf dem Mars

Bewertung: (9/10)

Sonntag, 23. März 2014

Gelungene Verfilmung von H. P. Lovecrafts Kurzgeschichte "Die Farbe aus dem All" (1927)


Die Farbe (Deutschland 2010, Regie: Huan Vu)

Kritik: In den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts schlägt in einem Dorf in der Schwäbischen Alb ein Meteorit ein. In der Folge kommt es zu einer Reihe unerklärlicher Veränderungen bei Pflanzen, Tieren und Menschen. Schon die Tatsache, dass sich der Meteorit einer Untersuchung durch Wissenschaftler entzieht, sich nach einigen Tagen auflöst und nichts mehr von ihm übrig bleibt, deutet an, dass wir es hier mit etwas Unfassbarem zu tun haben. Die Familie, auf dessen Gehöft der außerirdische Körper niederging, ist besonders hart getroffen. Es kommt zu Missernten, Pflanzen zerfallen nach einer kurzen Phase des Aufblühens zu Staub, und auch vor Tieren und Menschen macht das Phänomen nicht halt. Fische, Vögel und Frösche sterben, Menschen werden von Wahnsinn befallen.

Ähnlich wie es Robert Wiene bei einem der ersten phantastischen Filme, „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920), getan hat, bedient sich auch Regisseur Huan Vu des erzählerischen Konzept der Rahmenhandlung. Ein Amerikaner aus der Stadt Arkham fährt in den 70er-Jahren in das betroffene Dorf, um Erkundigungen über seinen seit einiger Zeit verschwundenen Vater einzuholen. Dieser war 1945 als Mitglied der amerikanischen Streitkräfte dort stationiert und ist nun wieder in diese Gegend gefahren. Der Sohn trifft bei seinen Nachforschungen auf einen älteren Dorfbewohner, der von den unheimlichen Geschehnissen nach dem Meteoriteneinschlag berichtet.

Spätestens mit der Erwähnung des Ortes Arkham erkennt der Genreliebhaber den Verweis auf den Horrorschriftsteller H. P. Lovecraft (1890-1937). In vielen seiner unheimlichen Erzählungen kam dieser fiktive Ort vor. Die Werke Lovecrafts dienten, ähnlich wie die von E. A. Poe, zahlreichen Horrorfilm-Regisseuren als Inspirationsquelle und Stichwortgeber. Und auch Huan Vus „Die Farbe“ ist eine Verfilmung von Lovecrafts Erzählung „The Colour Out Of Space“ (dt.: „Die Farbe aus dem All“). Ort und Zeit wurden zwar verändert, Figurenkonstellation und Fabel jedoch wurden kaum modifiziert. „The Colour Out Of Space“ erschien 1927 und markiert den Beginn der Schaffensperiode des Autors, in der er seine großen kosmischen Horrorgeschichten verfasste. Die Erzählung beeindruckt durch die genaue, fast reportagenhafte Darstellung der unheimlichen Ereignisse, die dem Meteoriteneinschlag folgten. Meisterhaft schildert er den langsam fortschreitenden Verfall von Flora und Fauna. „Über allem lag ein Schleier von Unrast und Bedrückung; ein Hauch des Unwirklichen und Grotesken, so als sei ein wesentliches Element der Perspektive oder des Wechsels von Licht und Schatten zerstört.“ 

Diese Worte hat Lovecraft seinem Ich-Erzähler in den Mund gelegt, und es ist beeindruckend, wie es Huan Vu in seiner filmischen Adaption gelingt, die hier nur angedeutete Atmosphäre der Erzählung auf die Leinwand zu übertragen. Er setzt offenbar genau bei den Begriffen Perspektive sowie Licht und Schatten an. Mit klassischen Stilmitteln der Filmkunst gelingt es ihm, die düstere Atmosphäre der literarischen Vorlage fast eins zu eins umzusetzen. Charakteristisch für die Schwarz-Weiß-Bilder des Films sind eine Dominanz dunkler Grautöne und Kontrastarmut, was die eigenartige Stimmung nur noch verstärkt. Handwerklich wurde das wohl dadurch erreicht, dass die Szenen zwar in Farbe gedreht wurden, aber anschließend ohne weitere große Bearbeitung in Schwarz-Weiß konvertiert wurden. Der mehrfache Einsatz der subjektiven Kamera, sogar aus der Perspektive des Meteoriten, evoziert von Anfang an eine besonders bedrohliche Atmosphäre. Ahnt doch der Zuschauer schon lange vor den Protagonisten, dass es sich hier wohl um eine Art Wesen oder Existenz handelt. Wer sollte sonst aus dem Meteoriten „herausschauen“? Schräge Kamerawinkel, lange Einstellungen und Großaufnahmen alltäglicher Gegenstände, ungewöhnliche Perspektiven und der Einsatz von Weitwinkeloptiken verweisen mit Fortschreiten der Geschichte auf die aus den Fugen geratende Welt. Unterstützt wird das Ganze noch durch einen stimmigen Einsatz von Musik und bedrohlich wirkenden Geräuschen und Klängen. Trickaufnahmen von zu Staub zerfallenden Pflanzen und Körpern, übergroßer Insekten und dem Star des Film, der Farbe aus dem All, machen die Sache perfekt. Die einzigen Farbaufnahmen sind übrigens die, in denen die (pink-rosa) „Farbe aus dem All“ ihren Auftritt hat.

Der Film „Die Farbe“ ist ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie man auch mit geringem Budget eine unheimliche Stimmung und subtilen Schauer erzeugen kann. Er sollte all den untalentierten Hollywood-Regisseuren als Vorbild dienen, die anscheinend nur noch mit Schnittgewitter, Wackelkamera und der Lautstärke des Scores zu erschrecken vermögen. Der Film endet übrigens mit einem ähnlichen Fragezeichen wie der Stummfilm „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920). Durch die letzten Einstellungen, die konfusen Visionen des Rahmenerzählers, kann sich der Zuschauer nicht mehr ganz sicher sein, wie er das Gesehene einzuordnen hat...

Dieser Film gehört für mich zu den besten Literaturverfilmungen im Horrorgenre. Man muss die Geschichte von Lovecraft nicht unbedingt kennen, um an „Die Farbe“ gefallen zu finden. Er ist ein absolutes Must-see, und eigentlich gehört er auch in jede Filmsammlung. Wer in seinem Rezeptionsverhalten noch nicht durch Wackelkamera, Schnittgewitter und Lautstärke-Schocks beschädigt wurde, wird diesen ruhigen, bedrückenden Film genießen. Volle Punktzahl für ein Meisterwerk des (deutschen!) Genrekinos.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: von der Farbe durchleuchteter zerfallender Körper // Biene auf dem Kopf // Bäume // tote Tiere // Farbeffekte // übergroße Birnen

Bewertung: (10/10)


Sonntag, 16. März 2014

Hänsel und Gretel: Hexenjäger


Hänsel und Gretel: Hexenjäger (OT: Hansel and Gretel: Witch Hunters, USA/D 2013, Regie: Tommy Wirkola)

Kritik: Na dass mit dem guten alten Märchen „Hänsel und Gretel“ der Brüder Grimm irgendwas nicht stimmen konnte, haben wir ja schon immer geahnt. Eltern würden doch niemals ihre Kinder im Wald aussetzen, nur weil das Essen grad ein bisschen knapp ist oder die Zeiten schlecht sind. Wie es sich auch abgespielt haben könnte, zeigt uns Regisseur Tommy Wirkola in seiner Version des Volksmärchens. Die Geschwister wurden zu ihrem Schutz im Wald ausgesetzt, denn hinter den Kulissen tobte ein Krieg zwischen schwarzen und weißen Hexen, dem dann auch Vater und Mutter von Hänsel und Gretel zum Opfer fielen. Happy End ausgeschlossen. Ganz wie im Märchen erfahren wir in der Pre-Credits-Sequenz, wie Hänsel und Gretel ans Knusperhäuschen einer Hexe gelangen und in die Falle tappen. Hänsel wird von der Hexe mit Süßigkeiten gemästet, was ihm später dann prompt einen ausgewachsenen Diabetes mellitus einbringt. Vor allem dank Gretels furchtlosem Einsatz gelingt es den beiden Rackern, die Hexe dorthin zu befördern, wo wohl alle schwarzen Hexen am besten aufgehoben wären: in den Ofen. Dass bei der Inszenierung des Films viel Wert auf Action gelegt wird, deutet sich hier bereits an.

Schnitt. Hänsel (Jeremy Renner) und Gretel (Gemma Arterton) sind nun erwachsen, und der Zuschauer erfährt mittels abfotografierter Zeitungsausrisse im Schnelldurchlauf, dass Brüderchen und Schwesterchen mittlerweile als Hexenjäger eine große Karriere gemacht haben und, wenn sie denn gerufen werden, gegen Kohle den betroffenen Gemeinden helfen und die Hexen in Asche verwandeln. Ein solches Hexenproblem hat die Stadt Augsburg, in der immer mehr Kinder in der letzten Zeit spurlos verschwunden sind. Wie Hänsel und Gretel dieses Problem zu lösen versuchen und auf welche Widerstände sie dabei stoßen, zeigt Regisseur Wirkola in seinem temporeich inszenierten Fantasy-Action-Abenteuer. Wie schon bei der Information über die Biografie der Geschwister deutlich geworden ist, legt Wirkola dabei keinen allzu großen Wert auf klassisches, langatmiges Erzählen. Über die Charaktere Hänsel und Gretel erfahren wir nicht wirklich viel, auch der Handlungsstrang, der das Techtelmechtel von Hänsel mit einer weißen Hexe behandelt, wird eher oberflächlich dargestellt. Sämtliche Figuren bleiben, und hier sind wir wieder beim typischen Merkmal des klassischen Volksmärchens, eindimensional und schablonenhaft. Aber was dem Märchen nicht schadet, schadet auch diesem Film nicht.

Effekte und schnell geschnittene Kampf- und Actionszenen stehen im Mittelpunkt der Auseinandersetzung der Hexenjäger mit der Hexenarmee, die von einer beeindruckend spielfreudigen Famke Janssen als Oberhexen-Domina angeführt wird. Für eine düstere Atmosphäre sorgen tolle (Hexen-)Masken, Kostüme und Kulissen. Besonders die Szenen, die im finsteren deutschen Wald spielen, sind stimmungsmäßig gelungen. Der Film wurde unter anderem im Studio Babelsberg und in Braunschweig und Umgebung gedreht. Bei dem Marktplatz von Augsburg, der des Öfteren Schauplatz des Geschehens ist, handelt es sich in Wirklichkeit um den Burgplatz in Braunschweig. Dem Zuschauer bleibt jedoch kaum Gelegenheit, die düster-gruselige Atmosphäre in Ruhe zu genießen, denn der Film lässt einem kaum Zeit zum Durchatmen. Neben mit sichtlicher Freude inszenierten Actionsequenzen verwendet Regisseur Wirkola immer wieder auch das Stilmittel des Splatterfilms. Szenen, in denen Köpfe zerquetscht werden, Opfer Gretel vom Amtsrichter und seinen Kohorten verprügelt wird, fliegende Hexen mit einem Maschinengewehr wie Moorhühner vom Himmel geschossen werden oder ihrer körperlichen Unversehrtheit verlustig gehen, wenn sie mit aufgespannten Drähten kollidieren, sind wohl dafür verantwortlich, dass der Film nur eine FSK-16-Freigabe erhielt. Dass sich „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ an Erwachsene und Fast-Erwachsene richtet, heißt nicht, dass er nun auf ganzer Linie ernst genommen werden will. Zu häufig sind die bisweilen lustigen, bisweilen albernen Ideen, zeitgenössische Aspekte einfließen zu lassen (Zuckerkrankheit von Hänsel, Groupie mit Autogrammwunsch und Pressemappe). Das Konzept der alten, buckligen Hexe mit Hakennase wurde ergänzt. Die Entwicklung der Damen, die mit dem Satan im Bunde stehen, ist ähnlich der, die die beliebten Film-Zombies genommen haben, die sich ja auch erst schlurfend kaum auf ihren eigenen zwei Beinen halten konnten und später zu wahren Sprintwundern mutierten. Die Hexen in Wirkolas Film haben Martial-Arts-Fähigkeiten und sind im Zweikampf aufgrund ihrer Schnelligkeit und Gewandtheit kaum zu bezwingen. Diese Zweikämpfe zwischen Hänsel und /oder Gretel und den Hexen werden zeitlich bis zum Anschlag zelebriert. Hier hätte etwas weniger dem Film gut getan. Weit davon entfernt, eine komplexe Handlung zu haben, offenbart „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ seine Geschichte dennoch nicht ungeschickt und peu à peu erst mit fortschreitender Handlung, um dort zu enden, wo sie angefangen hat. 

Wirkolas Film will in erster Linie unterhalten, und das gelingt ihm bestens. Hat man sich erst mal auf Genre und Thematik eingelassen, kommt aufgrund der temporeichen Inszenierung und toller Bilder kaum Langeweile auf. Die Erzählzeit vergeht wie im Hexenflug. Den Hauptdarstellern Jeremy Renner und Gemma Arterton wird zwar nicht allzu viel an Schauspielkunst abverlangt, als Geschwisterpärchen mit heiliger Mission harmonieren sie jedoch wunderbar und glaubwürdig. Famke Janssen als Oberhexe ist der Oberhammer und eine reine Augenweide, Troll Edward, angesiedelt irgendwo zwischen King Kong und Shrek, ist der heimliche Star des Films. Ganz am Rande transportiert „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ im Subtext natürlich auch, wie fast jeder Film, einige moralische Lebensweisheiten, nämlich dass selbst Helden nicht alles wissen können (ja, es gibt auch gute Hexen) und man sich nie mit dem pöbelnden Mob gemein machen sollte, der allzu schnell Köpfe rollen sehen will. Aber das wissen wir selbstverständlich schon länger, denn wir lieben ja phantastische und Horrorfilme. „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ ist gelungene (Heim-)Kino-Unterhaltung, die durch ihre temporeiche Inszenierung und visuellen Angebote zu fesseln vermag. Ich werde mir den Film gerne ein zweites Mal anschauen und ganz gewiss auch das geplante Sequel...

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Luftangriff der Hexen // Zimmerrenovierung mit roter Farbe // Hexe im Ofen // Troll Edward // roter Himmel // Wald // nackte weiße Hexe

Bewertung: (7/10)